Hoffen – Helfen – Heilen

„Es ist eine gute Sache“, sagt Andreas Schreck. Der Meckenheimer steht nicht gerne in der Öffentlichkeit, aber das Thema Stammzellspende liegt ihm am Herzen: „Es ist kein großer Aufwand und man kann jemandem helfen.“ Dieser jemand ist eine todkranke Frau, deren Namen er nicht kennt. Er weiß nur, dass ihre einzige Überlebenschance es ist, von einem gesunden „genetischen Zwilling“ ein neues blutbildendes System zu bekommen – eine Stammzellspende wie sie Andreas Schreck gerade gemacht hat. Leukämie ist eine bösartige Erkrankung der weißen Blutkörperchen, die ihren Ausgang im Knochenmark nimmt, wo sämtliche Blutzellen des Menschen im Knochenmark gebildet werden. Oft reicht die Behandlung mit einer Chemotherapie oder Bestrahlung nicht aus. Dann kann nur die Übertragung gesunder Blutstammzellen das Leben des Patienten retten. Eine solche Transplantation ist aber nur möglich, wenn es Menschen gibt, die sich typisieren lassen – sprich: als Stammzellspender in der Spenderdatei erfasst sind.
Andreas Schreck hat 2009 seinen Zivildienst geleistet. Damals musste er zu einem Lehrgang nach Trier an das Bundesamt für die Zivildienstschule. Dieses Bildungszentrum untersteht heute dem Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben. Dort unterrichtet Ewald Müller-Gouverneur. Der Lehrer engagiert sich seit vielen Jahren dafür, dass sich die Schüler „typisieren“ lassen. Typisierung“ bedeutet: Nach entsprechender Aufklärung muss ein Spender schriftlich sein Einverständnis zur Registrierung seiner Daten geben. Aus einer Blutprobe – es genügt ein Fingerhut voll Blut – werden die Gewebemerkmale des Spenders im Labor bestimmt. Gleiches funktioniert auch mit einem Abstrich der Mundschleimhaut, der mit Hilfe eines Wattestäbchens durchgeführt wird.
Andreas Schreck hat sich bei der Stefan-Morsch-Stiftung, der ältesten Stammzellspenderdatei Deutschlands registrieren lassen. Als die Nachricht kam, dass er als Stammzellspender gebraucht wird, war er überrascht. Die Wahrscheinlichkeit, für einen Patienten einen kompatiblen Knochenmarkspender zu finden liegt in der Größenordnung von 1 : 10.000 und 1 : 1.000.000 und ist abhängig von den Gewebemerkmalen des Patienten. Je genauer die Übereinstimmung zwischen den Merkmalen des Spenders und denen des Patienten ist, umso größer sind die Erfolgsaussichten für eine Stammzelltransplantation. Der sportliche Meckenheimer, der bald eine Ausbildung zum Versicherungskaufmann machen möchte, ist inzwischen fast ein Fachmann in Sachen Stammzelltransplantation. Es gibt zwei Entnahmeformen: Die Entnahme peripherer Blutstammzellen aus dem Blut – ähnlich wie bei einer Plasmaspende oder Dialyse. Dazu wird dem Spender vorher ein körpereigener Botenstoff verabreicht, der die Stammzellen aus dem Knochenmark in das Blut übergehen lässt. In einer Entnahmestation werden dann die Stammzellen aus dem Blut herausgefiltert bzw. zentrifugiert. Apherese heißt dieses Verfahren. Bei der klassischen Methode der Knochenmark-Entnahme entnehmen Mediziner etwa 0,8 bis 1,5 Liter Knochenmark-Blut-Gemisch aus dem Beckenknochen des Spenders – niemals aus dem Rückenmark. Dieser Eingriff dauert zirka eine Stunde. Über die Art der Spende entscheidet der Stammzellspender.
Je nach Leukämieart variieren die Heilungsaussichten. Für jeden Patienten wird deshalb ein persönliches Therapieschema erstellt. Ist die Behandlung mit einer Chemotherapie oder Bestrahlung nicht ausreichend, setzt man auf die Stammzelltransplantation. Das hat Andreas Schreck vor einigen Monaten mit seiner Stammzellenspende ermöglicht. Danach werden die Spender für weitere Entnahmen bis zu zwei Jahre reserviert. Das bedeutet: Treten bei dem Patienten auch nach der Übertragung von Stammzellen Komplikationen auf, entscheidet das behandelnde Transplantationszentrum sich bisweilen dafür, das blutbildende System mit einer weiteren Lymphozyten-Infusion zu unterstützen. Auch diese Lymphozyten-Spende hat der Meckenheimer geleistet: „Ich musste an die Frau denken und hoffe, dass sie ihr damit geholfen ist.“