Hoffen – Helfen – Heilen

Anna Klumb hat es gerade erfahren: Die 23-Jährige hat sich für die Deutschen Meisterschaften der Sportschützen qualifiziert. 392 Ringe waren ihr Ticket nach München. Wenige Tage später hat die Soonwälderin noch einen Treffer gelandet – ganz anderer Art allerdings: Ihre genetischen Gewebemerkmale stimmen mit denen eines Leukämiepatientin überein, der auf eine Knochenmarkspende angewiesen ist. Mit ihrer Spende gibt sie dem 17-jährigen Kanadier die Chance, den Blutkrebs zu überwinden. „Ich zünde jeden Tag eine Kerze an und denke an ihn“, sagt die Argenthalerin (Rhein-Hunsrück-Kreis), die heute in Koblenz lebt und in Bad Ems arbeitet.
Fünf Jahre ist es her, da hatte die Stefan-Morsch-Stiftung aus Birkenfeld beim Sommerfest im Herzog-Johann-Gymnasium in Simmern für eine Typisierung als mögliche StammzellStammzellenspender geworben. Für Leukämie-Patienten bedeutet die Transplantation von Stammzellen oft die letzte Chance auf Leben. Die Birkenfelder Stammzellenspenderdatei, die älteste in Deutschland, hat seit 30 Jahren beinahe Tag für Tag Teams im Einsatz, um mit solchen Aktionen auf die Krankheit und die Hilfe aufmerksam zu machen. Allein in Deutschland erkranken jährlich 11.000 Menschen an Leukämie. „Wir sind in einer ganzen Clique hin zum Stand und haben uns typisieren lassen“, erzählt Anna Klumb – fest überzeugt von der guten, weil notwendigen Sache.

Vier Jahre später wurde die heute 23-Jährige das erste Mal von der Stiftung angerufen mit der Nachricht, es könnte „passen“. Nach einigem Hin und Her hat sich das allerdings zerschlagen. Für die Sportschützin des SV Soonwald 1969 e.V. Mengerschied aus Argenthal eine herbe Enttäuschung. Sie hätte so gerne geholfen. Dafür freute sich die Physiotherapeutin jetzt umso mehr, als es dieses Mal hieß: Volltreffer. Es ist ein Glücksfall, wenn die genetischen Merkmale zweier Menschen so gut übereinstimmen, dass eine Transplantation möglich ist.

„Ich habe viel an den kranken Jungen in Kanada gedacht“

„Ich hatte noch nie vorher eine Operation“, meint Anna Klumb. Klar, dass sie nicht ohne Herzklopfen zur Knochenmarkspende in die Spezialklinik nach Wiesbaden gefahren ist. Sie hat erfahren, dass ihr Beckenkamm unter Vollnarkose punktiert und Knochenmark-Blut-Gemisch durch die Punktionsnadel abgesaugt wird. Diese Methode wird seit mehr als 30 Jahren angewandt – vor allem, wenn ganz junge Menschen die Empfänger sind. „Ich habe viel an den kranken Jungen in Kanada gedacht. In meiner Familie ist das fast jeden Tag Thema.“ Anna Klumb „brennt es auf den Nägeln“ zu erfahren, wie es dem Empfänger ihres Knochenmarks geht. „Meine guten Gedanken sollen ihm helfen. Und ich würde ihn auch wahnsinnig gerne kennenlernen, sollte er das wünschen und es möglich sein.“

Nach dem kleinen Eingriff hatte die 23-jährige mit starker Müdigkeit und Schlappheit zu kämpfen. Der Körper braucht knapp 14 Tage, um sozusagen den Bestand an eigenem Knochenmark wieder „aufzustocken“. Sie fühlte sich in dieser Zeit so schlapp, dass sie selbst für ihre zweite große Leidenschaft keine Energie verspürte: Anna Klumb bläst das Waldhorn im Musikverein Argenthal. Und dies, seit sie 11 Jahre ist und im Musikverein ihrer Eltern „mal alle Musikinstrumente so durchprobiert“ hatte. „Das Waldhorn fand ich am coolsten.“

Die Nachwirkungen der kleinen Operation sind inzwischen längst verklungen. Schließlich braucht sie jetzt ein sicheres Auge und einen ruhigen Arm fürs Luftgewehr. Auch das Physiotherapie-Studium in Trier steht bevor. Anna Klumb ist voller Pläne – und denkt doch immer noch jeden Tag an den Kanadier mit „ihrem“ Knochenmark“. Zumal aus ihrem großen Freundes- und Bekanntenkreis immer noch interessierte Nachfragen kommen. Ein wenig muss sie sich noch gedulden. Es dauert bis zu vier Monate, bis sich zeigt, ob die Kerze und die guten Gedanken ihren Teil dazu beigetragen haben, dass der genetische Zwilling überm großen Teich die Chance zu leben nutzen konnte. (aw)