Hoffen – Helfen – Heilen

Eigentlich saß David Fratzke aus Soest schon auf gepackten Umzugskisten. Doch bevor der 26-Jährige seiner Frau nach Poughkeepsie – einem Ort im Staat New York, USA – folgte, hatte er noch einen lebenswichtigen Termin bei der Stefan-Morsch-Stiftung in Birkenfeld: Stammzellen spenden. Denn David Fratzke ist zufällig der genetisch passende Spender für einen ihm völlig fremden Leukämiepatienten, im Alter zwischen 40 und 50 Jahren, der dringend auf die Transplantation angewiesen war, um eine Chance im Kampf gegen den Blutkrebs zu bekommen. In der neuen Heimat bekommt er eine Karte, die die Stefan-Morsch-Stiftung vom Patienten an Fratzke weitergeleitet hat: „Über diese Karte habe ich mich riesig gefreut! Ich schaue sie mir jeden Tag an.“
Die Stefan-Morsch-Stiftung leistet seit fast 30 Jahren Hilfe für Leukämie- und Tumorkranke. Hauptziel der Stiftung ist es, Menschen zu werben, sich als Stammzellspender zu registrieren. Beinahe täglich sind Teams der Stiftung in ganz Deutschland unterwegs, um junge Menschen als Stammzellspender zu gewinnen. Als vor sieben Jahren ein solches Team zur Typisierung für ein an Leukämie erkranktes Zwillingspaar in Soest aufrief, war Fratzke einer von fast 1000 Menschen, die helfen wollten: „Da sollte man helfen. Ich finde, sich zu typisieren ist eine gute Sache. Denn man kann mit nur wenig Aufwand einen Menschen retten.“

Eine Sprecherin der Stiftung erklärt: „Als Typisierung bezeichnet man die eigentlichen Laborarbeiten, die für eine Aufnahme in die Stammzellspenderdatei notwendig sind. Aus einer Blutprobe – es genügt ein Fingerhut voll Blut – werden die für eine Transplantation relevanten HLA-Gewebemerkmale im Labor bestimmt. Das gleiche funktioniert auch mit einem Abstrich der Mundschleimhaut.“ Damit hatte der 26-Jährige den ersten Schritt auf dem Weg zum Lebensretter getan.

Leukämie ist nur eine der bösartigen Erkrankungen, die eine Übertragung gesunder Blutstammzellen erfordern können. Mit der Transplantation von Stammzellen bekommt der Patient ein neues blutbildendes System – seine einzige Chance auf Leben, wenn Chemotherapie oder Bestrahlungen nicht geholfen haben. Eine solche Transplantation ist aber nur möglich, wenn es Menschen wie David Fratzke gibt, die sich typisieren lassen – sprich: als Stammzellspender einer Spenderdatei erfasst sind.

Um Stammzellen transplantieren zu können, müssen die Gewebemerkmale von Spender und Patient übereinstimmen. So sind in den Knochenmark- und Stammzellspenderdateien wie der Stefan-Morsch-Stiftung zwar weltweit über 25 Millionen Menschen registriert – trotzdem ist es immer noch ein Glücksfall, wenn sich für einen Patienten ein passender Spender findet.

David Fratzke ist so ein Glücksfall. Bis zu seinem Umzug in die USA arbeitet er als Elektrotechnik Ingenieur bei INOTEC Sicherheitstechnik GmbH in Ense (Kreis Soest). Das Unternehmen ist Spezialist für Fluchtwegleitsysteme und Sicherheits- und Notbeleuchtung. Wenn es brennt, sorgt das System dafür, dass die Menschen schnellstmöglich den Notausgang finden und nicht in Richtung Brandherd flüchten. Fratzkes Aufgabe ist die Hard- und Softwareentwicklung, die für die Kommunikation zwischen Steuerungsanlagen und Beleuchtung sorgt. Auch privat interessiert er sich für Beleuchtungstechnik und bastelt Zuhause an verschiedenen Lichteffekten. Wenn er dann noch Zeit hat, geht er Joggen.

Bereits im Herbst 2013 hat er von der Stefan-Morsch-Stiftung erfahren, dass er als Spender für einen Patienten in Frage kommt. „Ich wollte das gerne machen“, erzählt er. Nach genaueren Untersuchungen war schnell klar, dass er der optimale Spender ist. „Das hat sich gut angefühlt! Ich hatte keine Zweifel“, erinnert sich Fratzke. Dann stand der Termin für die Entnahme fest. Seine Familie ist stolz darauf, dass David Fratzke einem Menschen so entscheidend hilft und ihm vielleicht das Leben retten kann. Auch seine Frau ist begeistert: „Ich finde das schön! Es ist wie eine Ehre, diese Gelegenheit zu haben.“

Dann beginnt die entscheidende Phase vor der Transplantation: Die Stammzellen befinden sich im Knochenmark. Um sie zu übertragen, gibt es zwei Möglichkeiten: Die Entnahme peripherer Blutstammzellen aus dem Blut – ähnlich wie bei einer Plasmaspende oder Dialyse. Dazu wird dem Spender einige Tage lang ein körpereigener Botenstoff verabreicht, der die Stammzellen aus dem Knochenmark in das Blut übergehen lässt. In einer Entnahmestation werden dann die Stammzellen aus dem Blut herausgefiltert bzw. zentrifugiert. Apherese heißt dieses Verfahren, das heute am häufigsten angewandt wird.

Bei der klassischen Methode – der Knochenmarkspende – entnehmen die Mediziner Knochenmark aus dem Beckenknochen des Spenders – niemals aus dem Rückenmark. Dieser Eingriff dauert zirka eine Stunde. Über die Art der Spende entscheidet der Stammzellspender. Weder der Spender noch der Patient erfahren zu diesem Zeitpunkt, wer der andere ist. David Fratzke und sein Empfänger bleiben in jedem Fall bis zum Ablauf von zwei Jahren anonym. Erst danach besteht die Möglichkeit, je nach Gesetzeslage des Landes, in dem der Patient lebt, dass Spender und Patient einander kennenlernen können. „Nach der Frist würde ich sehr gerne den Mann kennenlernen“, sagte der Ingenieur.
Aber bis dahin ist es noch ein langer Weg: Parallel zur Vorbereitung von David Fratzke wird in der behandelnden Transplantationsklinik der Patient vorbereitet. Das bedeutet: Sein Immunsystem wird stark unterdrückt oder sogar ausgelöscht – durch Bestrahlung oder/und Chemotherapie. Wenn er sich jetzt mit einem Virus infiziert oder es aus irgendeinem Grund mit der Stammzellspende nicht klappt, ist sein Leben massiv gefährdet. Emil Morsch, Vorstandsvorsitzender der Stefan-Morsch-Stiftung: „Eine Transplantation ist immer eine letzte Chance. Diese Chance hat er nur durch David Fratzke.“

David Fratzke hat per Apherese gespendet. Nach der Entnahme zieht er ein positives Fazit: „Ich würde es wieder machen. Es war kein großer Aufwand, einem Menschen die Chance auf Heilung zu geben. Ich empfehle jedem, sich zu typisieren. Ich denke oft an meine Spende und es erfüllt mich immer wieder mit stolz.“