Hoffen – Helfen – Heilen

David Links Motorrad blieb ein paar Tage unberührt. Der Grund: Sein genetischer Zwilling braucht ihn. Er oder Sie hat Leukämie und stirbt, wenn er keine Stammzelltransplantation bekommt. David Link kennt den oder die Patientin nicht. Der Datenschutz verbietet das. Helfen will der 22-Jährige aus Siegen trotzdem. Denn er hat sich 2011 ganz bewusst dafür entschieden, sich als StammzellStammzellenspender bei der Stefan-Morsch-Stiftung registrieren zu lassen. Jetzt kann er vielleicht ein Leben retten.
Die Stiftung, die älteste StammzellStammzellenspenderdatei Deutschlands, leistet seit fast 30 Jahren Hilfe für Leukämie- und Tumorkranke. Hauptziel der Organisation ist es, Menschen zu werben, sich als StammzellStammzellenspender zu registrieren. Beinahe täglich sind Teams der Stiftung in ganz Deutschland unterwegs, um junge Menschen als StammzellStammzellenspender zu gewinnen. Im Sommer 2011 war ein solches Team in der Westfalen-Kaserne in Ahlen (Kreis Warendorf). David Link war damals in der Grundausbildung bei der Bundeswehr, als er dem Team der Lebensretter beitrat: „Ein Kumpel hatte Leukämie. Sich zu typisieren tut nicht weh und ich kann jemandem helfen – warum nicht?“

Eine Sprecherin der Stiftung erklärt: „Als Typisierung bezeichnet man die eigentlichen Laborarbeiten, die für eine Aufnahme in die StammzellStammzellenspenderdatei notwendig sind. Aus einer Blutprobe – es genügt ein Fingerhut voll Blut – werden die für eine Transplantation relevanten HLA-Gewebemerkmale im Labor bestimmt. Leukämie ist nur eine der bösartigen Erkrankungen, die eine Übertragung gesunder Blutstammzellen erfordern können. Mit der Transplantation von Stammzellen bekommt der Patient ein neues blutbildendes System – seine einzige Chance auf Leben, wenn Chemotherapie oder Bestrahlungen nicht geholfen haben. Eine solche Transplantation ist aber nur möglich, wenn es Menschen wie David Link gibt, die sich typisieren lassen – sprich: als StammzellStammzellenspender einer Stammzellenspenderdatei erfasst sind. Um Stammzellen transplantieren zu können, müssen die Gewebemerkmale von Stammzellenspender und Patient übereinstimmen. So sind in den Knochenmark- und StammzellStammzellenspenderdateien wie der Stefan-Morsch-Stiftung zwar weltweit über 25 Millionen Menschen registriert – trotzdem ist es immer noch ein Glücksfall, wenn sich für einen Patienten ein passender Stammzellenspender findet.

David Link ist so ein Glücksfall. Mittlerweile ist er in der Graf-Haeseler-Kaserne in Lebach (Kreis Saarlouis) stationiert. Er ist dort Rettungssanitäter. Er arbeitet auch ehrenamtlich als Rettungssanitäter: „Jedes Wochenende schiebe ich eine 24-Stunden-Schicht.“ Außerdem fährt er so oft wie möglich Motorrad, eine Kawasaki Ninja ZXR 6.

Im März 2014 war er in einer Gefechtsübung, als ihn die Stefan-Morsch-Stiftung anrief: Er kam als Stammzellenspender in Frage. Der 22-Jährige willigt in weitere Blutuntersuchungen ein. „Das tut mir nicht weh und die Zeit hab ich.“ Seine Familie findet es super, dass er hilft.

Bevor der Siegener Stammzellen spenden darf, wird er umfassend aufgeklärt und gründlich untersucht. Diese Voruntersuchungen dienen dazu herauszufinden, ob er wirklich der optimale Stammzellenspender ist. Gleichzeitig soll ausgeschlossen werden, dass er ein gesundheitliches Risiko eingeht. Die Mitarbeiter der Stiftung beraten und begleiten den Stammzellenspender während dieser ganzen Vorbereitungsphase. Jegliche Kosten für die Untersuchungen, die Versicherung, An- und Abreise zum Entnahmeort werden übernommen.

Dann beginnt die entscheidende Phase vor der Transplantation: Die Stammzellen befinden sich im Knochenmark. Um sie zu übertragen, gibt es zwei Möglichkeiten: Die Entnahme peripherer Blutstammzellen aus dem Blut – ähnlich wie bei einer Plasmaspende oder Dialyse. Dazu wird dem Stammzellenspender einige Tage lang ein körpereigener Botenstoff verabreicht, der die Stammzellen aus dem Knochenmark in das Blut übergehen lässt. In einer Entnahmestation werden dann die Stammzellen aus dem Blut herausgefiltert bzw. zentrifugiert. Apherese heißt dieses Verfahren, das heute am häufigsten angewandt wird.

Bei der klassischen Methode – der Knochenmarkspende – entnehmen die Mediziner Knochenmark aus dem Beckenknochen des Stammzellenspenders – niemals aus dem Rückenmark. Dieser Eingriff dauert zirka eine Stunde. Weder der Stammzellenspender noch der Patient erfahren zu diesem Zeitpunkt, wer der andere ist. David Link und sein Empfänger bleiben in jedem Fall bis zum Ablauf von zwei Jahren anonym. Erst danach besteht die Möglichkeit, je nach Gesetzeslage des Landes, in dem der Patient lebt, dass Stammzellenspender und Patient einander kennenlernen können.

Aber bis dahin ist es noch ein langer Weg: Parallel zur Vorbereitung von Link wird in der behandelnden Transplantationsklinik der Patient vorbereitet. Das bedeutet: Sein Immunsystem wird stark unterdrückt oder sogar ausgelöscht – durch Bestrahlung oder/und Chemotherapie. Wenn er sich jetzt mit einem Virus infiziert oder es aus irgendeinem Grund mit der Stammzellspende nicht klappt, ist sein Leben massiv gefährdet. Deshalb hat sich David Link zur Auflage gemacht, bis zur Stammzellspende auf das Motorradfahren zu verzichten. „Es war schönes Wetter, das war ganz schön schwer“, erzählt er, „einmal bin ich schwach geworden. Ich saß schon in Motorradausrüstung drauf. Aber ich hatte ein schlechtes Gewissen und deshalb nur kurz den Motor angemacht.“ Er will keine Risiken eingehen, die seine Stammzellentnahme gefährden könnten.

David Link hat per Apherese gespendet. Nach der Entnahme zieht er ein positives Fazit: „Ich würde es wieder tun!“