Hoffen – Helfen – Heilen

Vor einigen Monaten hat Eleonore Pinck aus Hanau (Main-Kinzig-Kreis) eine Entscheidung getroffen, mit der sie den Lebensweg einer ihr völlig fremden Frau verändern wollte. Diese Frau war todkrank: Sie war an Leukämie erkrankt und brauchte eine Stammzelltransplantation. Die 42-Jährige Mutter von zwei Mädchen ist seit 2009 bei der Stefan-Morsch-Stiftung, Deutschlands ältester Stammzellspenderdatei, registriert und war die genetisch passende Spenderin. Vor einem Jahr fuhr sie nach Birkenfeld zur Stiftung, um für die Leukämiekranke zu spenden. Heute weiß sie: „Ich konnte der Patientin immerhin ein bisschen mehr Zeit schenken.“
Die Stiftung, leistet seit fast 30 Jahren Hilfe für Leukämie- und Tumorkranke. Hauptziel der Organisation ist es, Menschen zu werben, sich als Stammzellspender zu registrieren. Beinahe täglich sind Teams der Stiftung in ganz Deutschland unterwegs, um junge Menschen als Stammzellspender zu gewinnen. Vor mehr als fünf Jahren war ein solches Team in Langenselbold (Main-Kinzig-Kreis). Damals hat sich Eleonore Pinck gemeinsam mit ihrem Mann als potenzielle Lebensretter registrieren lassen: „Das ist eine gute Sache. Meinem Mann und mir war da schon klar, dass wir das durchziehen, falls wir irgendwann als Spender in Frage kommen.“

Eine Sprecherin der Stiftung erklärt: „Als Typisierung bezeichnet man die eigentlichen Laborarbeiten, die für eine Aufnahme in die Stammzellspenderdatei notwendig sind. Aus einer Blutprobe – es genügt ein Fingerhut voll Blut – werden die für eine Transplantation relevanten HLA-Gewebemerkmale im Labor bestimmt. Das gleiche funktioniert auch mit einem Abstrich der Mundschleimhaut.“ Damit hatte die 42-Jährige den ersten Schritt auf dem Weg zum Lebensretter getan.

Leukämie ist nur eine der bösartigen Erkrankungen, die eine Übertragung gesunder Blutstammzellen erfordern können. Mit der Transplantation von Stammzellen bekommt der Patient ein neues blutbildendes System – seine einzige Chance auf Leben, wenn Chemotherapie oder Bestrahlungen nicht geholfen haben. Eine solche Transplantation ist aber nur möglich, wenn es Menschen wie Eleonore Pinck gibt, die sich typisieren lassen – sprich: als Stammzellspender einer Spenderdatei erfasst sind. Um Stammzellen transplantieren zu können, müssen die Gewebemerkmale von Spender und Patient übereinstimmen. So sind in den Knochenmark- und Stammzellspenderdateien wie der Stefan-Morsch-Stiftung zwar weltweit über 25 Millionen Menschen registriert – trotzdem ist es immer noch ein Glücksfall, wenn sich für einen Patienten ein passender Spender findet.

Eleonore Pinck ist so ein Glücksfall. Als Hauswirtschaftskraft kümmert sie sich jeden Tag um das Mittagessen für die Kinder der Kindertagesstätte Mittelstraße in Hanau. Nach Feierabend ist sie ganz für ihre Familie da, ihren Mann und die zwei Töchter im Alter von sieben und 12. Vor einem Jahr erreicht sie ein Anruf der Stefan-Morsch-Stiftung: Sie kam als Spenderin für einen Leukämiepatienten in Frage, ob sie zur Spende bereit wäre. „Wahnsinn, jetzt passe ich auf jemanden und er braucht meine Hilfe. Das war mein erster Gedanke. Ich war zwar skeptisch, weil ich nicht genau wusste, was mich erwartet, aber es war klar, dass ich helfe. Denn ich möchte, dass der Patient noch ein schönes Leben hat“, erklärt Pinck. Besonders ihr Mann ist stolz auf sie: „Er nennt mich ‚meine Heldin‘“, sagt sie ein bisschen verlegen. Ansonsten waren die Reaktionen unterschiedlich: „Einige sagten, sie würden auf keinen Fall Stammzellen für einen Fremden spenden. Das hat mich geschockt.“ Ihre Arbeitskollegen und die Vorgesetzten bestärkten sie in ihrer Entscheidung: „Die fanden das alle toll. Die meisten sind auch typisiert, denn wir hatten im Kindergarten ein leukämiekrankes Kind, für das zur Typisierung aufgerufen wurde. Das Kind hat einen Spender gefunden und seit der Transplantation geht es ihm gut!“

Bevor Eleonore Pinck Stammzellen spenden darf, wird sie umfassend aufgeklärt und gründlich untersucht. Diese Voruntersuchungen dienen dazu herauszufinden, ob sie wirklich die optimale Spenderin ist. Gleichzeitig soll ausgeschlossen werden, dass die Spenderin ein gesundheitliches Risiko eingeht. Die Mitarbeiter der Stiftung beraten und begleiten die Spender während dieser ganzen Vorbereitungsphase. Jegliche Kosten für die Untersuchungen, die Versicherung, An- und Abreise zum Entnahmeort werden übernommen. „Bei der Voruntersuchung wurde festgestellt, dass ich einen Infekt hatte und der Spendetermin musste verschoben werden. Davon hatte ich da noch nichts gemerkt. Zwei Tage später lag ich dann flach. Das tat mir sehr leid für die Patientin. Ich will es ja gut machen. Aber es war scheinbar für sie kein Problem“, erzählt Pinck.

Dann beginnt die entscheidende Phase vor der Transplantation: Die Stammzellen befinden sich im Knochenmark. Um sie zu übertragen, gibt es zwei Möglichkeiten: Die Entnahme peripherer Blutstammzellen aus dem Blut – ähnlich wie bei einer Plasmaspende oder Dialyse. Dazu wird dem Spender einige Tage lang ein körpereigener Botenstoff verabreicht, der die Stammzellen aus dem Knochenmark in das Blut übergehen lässt. In einer Entnahmestation werden dann die Stammzellen aus dem Blut herausgefiltert bzw. zentrifugiert. Apherese heißt dieses Verfahren, das heute am häufigsten angewandt wird.

Bei der klassischen Methode – der Knochenmarkspende – entnehmen die Mediziner Knochenmark aus dem Beckenknochen des Spenders – niemals aus dem Rückenmark. Dieser Eingriff dauert zirka eine Stunde. Weder der Spender noch der Patient erfahren zu diesem Zeitpunkt, wer der andere ist. Erst nach der Entnahme erfährt Eleonore Pinck, dass sie für eine leukämiekranke Frau gespendet hat.

Parallel zur Vorbereitung von Eleonore Pinck wird in der behandelnden Transplantationsklinik die Patientin vorbereitet. Das bedeutet: Ihr Immunsystem wird stark unterdrückt oder sogar ausgelöscht – durch Bestrahlung oder/und Chemotherapie. Wenn sie sich jetzt mit einem Virus infiziert oder es aus irgendeinem Grund mit der Stammzellspende nicht klappt, ist ihr Leben massiv gefährdet. Emil Morsch, Vorstandsvorsitzender der Stefan-Morsch-Stiftung: „Eine Transplantation ist immer eine letzte Chance. Diese Chance hat er nur durch Eleonore Pinck.“

Die 42-Jährige hat per Apherese gespendet. Sie ist von der Hilfe für Leukämie- und Tumorkranke überzeugt: „Das ist eine gute Sache. Jeder sollte sich typisieren lassen. Ich würde wieder spenden.“