Hoffen – Helfen – Heilen

Das Leben eines wildfremden Menschen retten, der irgendwo auf dieser Welt lebt und Hilfe braucht – dafür ist Gunther Guilleaume, Gießereitechniker aus Faulbach (Kreis Miltenberg), vor einem Jahr rund 250 km gereist, um sich an eine komplexe medizinische Maschine anschließen zu lassen. Eine Maschine, die über mehrere Stunden hinweg Stammzellen aus seinem Blut heraus zentrifugiert. Mit diesen Stammzellen bekommt ein an Leukämie erkrankter Mensch, der die gleichen genetischen Merkmale hat wie der 53-Jährige hat, die Chance, den Blutkrebs zu besiegen.
„Ohne großen Aufwand kann ich hier jemandem helfen – Warum sollte ich das nicht tun?“, beschließt der Techniker gemeinsam mit seiner Frau vor fast genau zwölfJahren, als er auf der Bootsmesse in Düsseldorf von Mitarbeitern der Stefan-Morsch-Stiftung mehr über die Hilfe für Leukämiekranke erfährt. Jedes Jahr wird etwa 11.000 Menschen in Deutschland die Diagnose Leukämie gestellt. Wenn Chemotherapie und Bestrahlung nicht wirken, kann nur noch eine Stammzelltransplantation helfen. Durch sie bekommt der Patient ein neues blutbildendes System. Dazu braucht er aber einen Spender, dessen Gewebemerkmale weitestgehend mit den eigenen übereinstimmen. Diese Suche erfolgt in den weltweit vernetzten Spenderdateien. Die Stefan-Morsch-Stiftung mit Sitz in Birkenfeld ist die älteste Stammzellspenderdatei Deutschlands. Unter dem Leitmotiv “Hoffen – Helfen – Heilen“ bietet die gemeinnützige Stiftung seit fast 30 Jahren Hilfe für Leukämie- und Tumorkranke. Hauptziel der Stiftung ist Menschen zu werben, sich als Stammzellspender registrieren zu lassen. 2014 wurden so rund 30 000 neue Spender in die Datei aufgenommen.

Für Gunther Guilleaume und seine Frau war es selbstverständlich, sich als mögliche Lebensretter in der Datei der Stefan-Morsch-Stiftung zu registrieren. Die Typisierung war ganz unkompliziert: Nachdem er über das Thema genau informiert wurde, unterschrieb er eine Einverständniserklärung, füllte einen Fragebogen zum Gesundheitszustand aus und ließ sich eine kleine Blutprobe abnehmen. Im Labor der Stefan-Morsch-Stiftung werden die Blutproben auf ihre genetischen Gewebemerkmale – die HLA-Werte – untersucht. Braucht ein Patient eine Transplantation, werden seine Gewebemerkmale mit denen von möglichen Spendern verglichen.

Im Herbst 2013 rief ihn dann die Stefan-Morsch-Stiftung an: Er kam als Spender in Frage. „Nach so vielen Jahren rechnet man nicht mehr damit, dass man als Stammzellspender gebraucht wird“, erklärt Guilleaume. Um festzustellen, ob er auch der optimale Spender ist, stehen weitere Blutuntersuchungen an. Mit einem Entnahme-Set, das ihm die Stefan-Morsch-Stiftung geschickt hat, geht er zum Hausarzt, der ihm damit Blut abnimmt. Das Päckchen mit den Blutproben schickt er wieder zurück an die Stiftung. Nach knapp vier Wochen steht fest: Gunther Guilleaume ist ein Volltreffer – er ist der passende Spender.

Im Gegensatz zu den Schwiegereltern, die sich um Risiken für ihren Schwiegersohn sorgten, hatte seine Frau keinerlei Bedenken. Für seine drei erwachsenen Kinder war das Thema Stammzellspende völlig neu. Nachdem sie mehr darüber erfahren hatten, fanden sie das Engagement ihres Vaters gut. Auch seine Vorgesetzten und Arbeitskollegen drückten die Daumen.

Mit der Transplantation von Stammzellen bekommt der Patient ein neues blutbildendes System. Diese Stammzellen befinden sich im Knochenmark. Um sie zu übertragen, gibt es zwei Möglichkeiten: Die Entnahme von Knochenmark aus dem Beckenkamm – niemals aus dem Rückenmark. Die zweite Möglichkeit ist die Entnahme peripherer Blutstammzellen aus dem Blut – ähnlich wie bei einer Dialyse. Dazu wird dem Spender vorher ein körpereigener Botenstoff verabreicht, der die Stammzellen aus dem Knochenmark in das Blut übergehen lässt. In einer Entnahmestation – wie bei der Stefan-Morsch-Stiftung – werden dann die Stammzellen herausgefiltert.

Guilleaume hat per Apherese gespendet. Das Spritzen des Botenstoffs, was für ihn seine Frau übernahm, hat in den meisten Fällen Nebenwirkungen wie Kopf- und Gliederschmerzen. Trotzdem ist er davon überzeugt: „Für mich ist der Aufwand relativ gering im Vergleich zur Wirkung.“ Seine Hobbies stellte er vorerst zurück. „Außerdem hab ich meinen Berufsalltag angepasst. Ich bin normal viel unterwegs, dass habe ich so gut wie möglich eingeschränkt, um Verkehrsrisiken zu minimieren und so die Spende nicht zu gefährden“, erklärt er. Denn er weiß, dass es für den Patienten schlimme Folgen hätte, wenn so kurz vor der Transplantation der Spender wegfallen würde. Das Immunsystem des Patienten muss vor der Transplantation unterdrückt oder sogar komplett ausgelöscht werden. Nur so können die transplantierten Stammzellen anwachsen und hoffentlich ein neues und gesundes System bilden.

Genau das erhofft sich Gunther Guilleaume von seiner Spende: „Ich weiß, ich habe etwas sinnvolles getan. Meine Hoffnung ist jetzt, dass es dem Patienten wieder gut geht.“