Hoffen – Helfen – Heilen

Leukämie – 11 000 Mal pro Jahr wird allein in Deutschland diese Diagnose gestellt. Die Betroffenen: Mal ist es ein berühmter Politiker, mal die Frau eines Arbeitskollegen, mal der Sohn eines Vereinskameraden – es könnte aber auch die eigene Familie treffen. Das weiß Lukas Brämer aus Bochum. Der Polizeianwärter hat sich 2014 an der Landespolizeischule Nordrhein-Westfalen als potenzieller Lebensretter bei der Stefan-Morsch-Stiftung, Deutschlands ältester Stammzellspenderdatei, registrieren lassen. Jetzt konnte er helfen.
Wer die Diagnose Blutkrebs hört, denkt an Chemotherapie und Bestrahlung. Doch wenn all das nicht hilft, ist die Transplantation gesunder Blutstammzellen die einzige Hoffnung auf Leben. Eine solche Übertragung ist nur möglich, wenn sich ein passender Stammzell- bzw. Knochenmarkspender zur Verfügung stellt, der die gleichen genetischen Merkmale hat, wie der Patient. Voraussetzung dafür ist aber, dass ausgerechnet dieser „genetische Zwilling“ in einer Stammzellspenderdatei gefunden wird.

Die Stefan-Morsch-Stiftung leistet seit fast 30 Jahren Hilfe für Leukämie- und Tumorkranke. Täglich sind bundesweit Mitarbeiter unterwegs, um junge Menschen als Stammzellspender zu gewinnen. Auch an Schulen, Fachhochschulen und Universitäten. Im Juli 2014 war ein Team am Landesamt für Ausbildung, Fortbildung und Personalangelegenheiten der Polizei Nordrhein-Westfalen (LAFP) in Selm. Dort macht Lukas Brämer eine duale Ausbildung zum Beamten im Polizeivollzugsdienst. Zufällig kam er am Infostand der Stiftung vorbei: „Ich fand das eine gute Aktion, obwohl ich vorher nie darüber nachgedacht habe, mich typisieren zu lassen. Ich habe mich informiert. Man kann hier helfen“, erzählt der 21-Jährige von seinem ersten Kontakt mit dem Thema Stammzellspende.

Der zweite Kontakt war schon ein gutes halbes Jahr später. Die Spenderdatei rief ihn an, weil er ganz konkret als möglicher Spender für einen Patienten in der Auswahl war. Er muss nicht zweimal gefragt werden, ob er helfen will: „Natürlich!“, antwortet Brämer, der in seiner Freizeit für die Volleyballer des TV Bochum-Brenschede am Netz steht. Genauso sehen das auch seine Freunde und die Familie. Um zu klären, ob er wirklich der optimale Spender für den Patienten ist, folgen weitere Untersuchungen und ein ärztliches Aufklärungsgespräch: „Fragen oder Bedenken hatte ich keine. Ich bin da völlig sorgenfrei in das Gespräch mit der Ärztin gegangen“, erzählt er. Aber seine Gedanken wandern in dieser Zeit oft zu dem Menschen, für den er spenden soll. Er fragt sich: „Wer ist der Mensch? Wie alt ist er?“

Lukas Brämer achtet in dieser Zeit stärker als sonst darauf, was er isst und dass er sich nicht verletzt: „Ich ging nicht ins Volleyballtraining und hab gesund gegessen.“ Er weiß, das Leben des Empfängers hängt auch von seiner Spende ab. Der Polizeianwärter hat in dieser Phase kurz vor der Entnahme einen Gedanken: „Das wichtigste ist, dass ich helfen kann, dass er noch ganz viel Zeit mit seiner Familie hat und sein Leben genießen kann.“

Mit der Übertragung von Stammzellen bekommt der Patient ein neues blutbildendes System. Die Stammzellen befinden sich im Knochenmark. Um sie zu übertragen, gibt es zwei Möglichkeiten: Die klassische Methode der Knochenmarkspende, bei der Stammzellen aus dem Beckenknochen entnommen werden. Die Entnahme der Stammzellen aus dem Blut wird heute am häufigsten angewendet. Sie funktioniert ähnlich wie eine Plasmaspende oder Dialyse. Dazu muss sich der Spender einige Tage lang einen körpereigenen Botenstoff spritzen, der die Stammzellen aus dem Knochenmark in das Blut übergehen lässt. In einer Entnahmestation werden sie aus dem Blut herausgefiltert bzw. zentrifugiert. Lukas Brämer hatte mit den Spritzen kein Problem: „Das war so ähnlich, wie die Thrombosenspritzen, die ich mir nach einer Schulter-OP injizieren musste.“ Auch die Apherese hat er gut überstanden und zieht ein positives Fazit: „Ich würde es wieder machen.“

Emil Morsch, Gründer der Stefan-Morsch-Stiftung, erklärt: „Das Beispiel von Lukas Brämer zeigt die nachhaltige Wirkung, die Typisierungsaktionen haben. Vielleicht wird schon in wenigen Wochen oder Monaten ein Spender, der sich heute typisieren lässt, einem Menschen Hoffnung auf Leben schenken. In jedem Fall aber bietet die Typisierung die Chance, dass nach Jahren, aber auch noch Jahrzehnte später Leben gerettet werden kann. Zugleich wird durch einen solchen Aufruf diese weitestgehend unbeachtete Form der Lebendspende in der Öffentlichkeit thematisiert.“