Hoffen – Helfen – Heilen

Vor mehr als einem Jahr riefen Familie und Freunde einer an Leukämie erkrankten 44-jährigen, alleinerziehenden Mutter aus Hamburg gemeinsam mit der Stefan-Morsch-Stiftung zur Typisierung am Gymnasium Klosterschule auf. Die Aktion löste eine Welle der Hilfsbereitschaft aus. Mehr als 1000 Menschen ließen sich als potenzielle Stammzellspender registrieren, in der Hoffnung, der schwerkranken Mutter vielleicht helfen zu können. Malte Zühlsdorf aus Buchholz in der Nordheide (Kreis Harburg) war einer von ihnen. Jetzt konnte er einem ihm unbekannten Menschen durch eine Stammzellspende die Hoffnung auf Heilung geben.
Im Januar 2013 berichten die Medien über die alleinerziehende Mutter aus Hamburg und ihre Krankheit. Die Zühlsdorfs in Buchholz – keine 50 Kilometer entfernt – hören von der Typisierungsaktion an der Klosterschule. Zeitgleich erfahren sie, dass auch in ihrem Bekanntenkreis jemand an Leukämie erkrankt ist. Sie wissen, mit jedem registrierten Spender steigt die Chance, dass einem an Leukämie erkrankten Menschen geholfen werden kann – egal ob er in Hamburg lebt, in Berlin oder eben in Buchholz. Deshalb entschließt sich die Familie, nach Hamburg zur Typisierungsaktion zu fahren. Der Gedanke von Malte Zühlsdorfs Mutter, die ihrer kranken Arbeitskollegin helfen will: „Das ist für sie vielleicht die letzte Chance“, sagt sie zu ihrem Sohn, der dann zur Typisierungsaktion am Gymnasium Klosterschule in Hamburg mitgeht. Dort hatte die Familie der todkranken 44-Jährigen zusammen mit der Stefan-Morsch-Stiftung zur Registrierung als Stammzellspender aufgerufen. Die Klosterschule hatte den Aufruf unterstützt. Die Schüler der Schule hatten sich voll und ganz hinter den Aufruf gestellt, Plakate geklebt, Handzettel verteilt und auch die Medien der Stadt mobilisiert. Ruben Herzberg, Leiter der schon mehrfach ausgezeichneten Schule, hatte auch die anderen Schulen der Stadt mit ins Boot geholt, um Menschen für die Stammzellspende zu gewinnen.

Malte Zühlsdorf erinnert sich: „So richtig habe ich gar nicht darüber nachgedacht. Es hörte sich gut an und die Patientin, für die der Aufruf gemacht wurde, ist eine Bekannte meiner Mutter“, erzählt der auszubildende Bürokaufmann, „dann hab ich mich bei der Stefan-Morsch-Stiftung als Stammzellspender registrieren lassen.“ Fast 350 Mal war die Stefan-Morsch-Stiftung, Deutschlands älteste Stammzellspenderdatei aus Birkenfeld, im Jahr 2013 in ganz Deutschland unterwegs, um über das Thema Stammzellspende aufzuklären und Menschen – wie Malte Zühlsdorf – als potenzielle Lebensretter in die Spenderdatei aufzunehmen. Denn wenn Chemotherapie und/oder Bestrahlung nicht helfen, ist die letzte Chance auf Heilung für den Leukämiepatienten die Transplantation von gesunden und genetisch passenden Stammzellen. Die Registrierung am Gymnasium war ganz einfach: Nachdem Mitarbeiter der Stiftung den Motorsportfan über das Thema Stammzellspende genau aufgeklärt haben, unterschreibt er die Einverständniserklärung, füllt einen Fragebogen zu seinem Gesundheitszustand aus und lässt sich eine kleine Menge Blut abnehmen. Ein Fingerhut voll Blut reicht schon aus, um im Labor der Stefan-Morsch-Stiftung die genetischen Gewebemerkmale, die sogenannten HLA-Werte, zu untersuchen. Benötigt ein Patient eine Transplantation, werden genau diese HLA-Werte mit denen von potenziellen Spendern in der Datei verglichen. Um als Spender in Frage zu kommen, stimmen im Idealfall zehn von zehn dieser Werte überein.

Im November, wenige Monate nach der Registrierung, erreicht Malte Zühlsdorf die Nachricht der Stefan-Morsch-Stiftung, dass er als Spender für einen Leukämiepatienten in Betracht kommt. „Da hatte ich schon ein mulmiges Gefühl, da ich bei der Typisierung dachte, dass eine Übereinstimmung mit einem Patienten eher selten ist“, erzählt er. Nach weiteren Untersuchungen steht dann aber wenige Wochen später fest, dass er der geeignete Spender ist: „Da war ich schon aufgeregt“, sagt Zühlsdorf, „aber Zweifel hatte ich nicht.“

Sein Vater begleitet ihn zur Entnahme ins rheinland-pfälzische Birkenfeld: „Ich finde das gut, dass Malte es von der Typisierung an bis zum Ende durchzieht. Ich habe nichts anderes von ihm erwartet. Ich will ihn darin unterstützen und ihm seine Aufregung nehmen, darum bin ich auch hier“, ergänzt er stolz. Auch die Vorgesetzten der Groth-Bau GmbH in Buchholz ebnen Malte Zühlsdorf den Weg und stellen ihn für die Entnahme frei.

Mit der Transplantation von Stammzellen bekommt der Patient ein neues blutbildendes System. Diese Stammzellen befinden sich im Knochenmark. Um sie zu übertragen, gibt es zwei Möglichkeiten: Die Entnahme von Knochenmark aus dem Beckenkamm – niemals aus dem Rückenmark. Die zweite Möglichkeit ist die Entnahme peripherer Blutstammzellen aus dem Blut – ähnlich wie bei einer Dialyse. Dazu wird dem Spender vorher ein körpereigener Botenstoff verabreicht, der die Stammzellen aus dem Knochenmark in das Blut übergehen lässt. In einer Entnahmestation – wie bei der Stefan-Morsch-Stiftung in Birkenfeld – werden dann die Stammzellen herausgefiltert. Das nennt man Apherese. Über die Art der Spende entscheidet der Stammzellspender.

Der HSV-Fan entscheidet sich für die Apherese. Das Spritzen des Botenstoffes war für ihn ungewohnt, aber mit jedem Mal fiel es ihm leichter. Der Morgen vor der Apherese verläuft nicht ganz nach Plan: „Ich war morgens im Hotel ziemlich aufgeregt. Vor lauter Aufregung wurde mir schlecht und ich musste mich übergeben“, verrät Zühlsdorf, „Aber es war nichts gesundheitliches, nur die Aufregung.“ Kurze Zeit verunsicherte ihn das: „Ich hab mir schon Sorgen gemacht, was jetzt aus der Spende wird.“ Die Entnahme hat er dann aber ohne Probleme überstanden. Doch jetzt richtet er den Blick nach vorn und denkt an den Patienten: „Ich hoffe, dass dem Patienten geholfen wird und dass man ihm das Leben retten kann.“ Nach dieser Erfahrung steht für Malte Zühlsdorf fest, dass er es wieder machen würde: „Man kann so für jemanden, den man nicht kennt, trotzdem sehr viel tun.“