Hoffen – Helfen – Heilen

Mehr als zwei Jahre ist es her, dass Familie und Freunde eines leukämiekranken Mädchens aus dem Kreis Konstanz gemeinsam mit der Stefan-Morsch-Stiftung, der ältesten Stammzellspenderdatei Deutschlands, zur Hilfe für Leukämie- und Tumorkranke aufriefen. „Hilfe für Ilayda“ hieß das Motto der Typisierungsaktionen. Viele engagierten sich und mehr als 6300 Menschen ließen sich als mögliche Stammzellspender registrieren, um irgendwann einem Menschen wie Ilayda im Kampf gegen Blutkrebs zu helfen. Unter ihnen war auch der 31-jährige Michele Colucci aus Tuttlingen. Zwei Jahre nach der Typisierung konnte er einem fremden Patienten die Chance auf Leben geben.
Jedes Jahr wird rund 11 000 Menschen in Deutschland die Diagnose Leukämie gestellt. Etwa die Hälfte der Betroffenen sind Jugendliche oder Kinder wie Ilayda. Können Chemotherapie und/oder Bestrahlung nicht helfen, ist die Stammzelltransplantation die letzte Chance. Diese Chance bekommen Patienten nur, wenn in Stammzellspenderdateien wie der Stefan-Morsch-Stiftung der passende Spender – der „genetische Zwilling“ gefunden werden kann. Voraussetzung dafür ist die Registrierung als potenzieller Stammzellspender in einer solchen Datei. Um vor allem junge Menschen als mögliche Lebensretter zu registrieren sind täglich Mitarbeiter der Stiftung bundesweit unterwegs.

Michele Colucci las in der Zeitung und bei Facebook über den Typisierungsaufruf für das kleine Mädchen. Er war entschlossen: „Ich will helfen.“ Mit seiner Frau ging er zu dem Termin im Tuttlinger Immanuel-Kant-Gymnasium und machte den ersten Schritt zum Lebensretter: Er ließ sich typisieren. Zuerst ließ er sich alles genau erklären, füllte einen Fragebogen aus und unterschrieb die Einverständniserklärung. Eine kleine Blutprobe wurde abgenommen – gerade so viel, wie in einen Fingerhut passt. Im Labor wurde die Probe dann auf die genetischen Gewebemerkmale, die sogenannten HLA-Werte, untersucht. Um zu spenden, müssen im Idealfall zehn dieser Werte mit denen eines Leukämiekranken übereinstimmen. Dann wird man von Mitarbeitern der Stiftung benachrichtigt.

Colucci arbeitet als CNC-Dreher bei der Cival Medtech GmbH in Tuttlingen, einem medizintechnischen Unternehmen. Er programmiert, bedient und überwacht die Maschinen, die Bauteile für zum Beispiel OP-Leuchten und Schädelbohrer machen. So oft er neben Beruf und als Vater von zwei kleinen Mädchen Zeit hat, geht er ins Fußball-Training. Den blauen Vereinspulli des SV 04 Tuttlingen trägt er auch während der Stammzellspende.

Zwei Jahre nach seiner Typisierung bekommt der Fußballer einen Brief der Stefan-Morsch-Stiftung: „Ich wollte erst mal abwarten. Meine Frau bekam auch schon mal so einen Brief, aber es kam nicht zur Spende.“ Er willigte in weitere Untersuchungen ein. Es dauerte nicht lange, bis feststand, dass er der optimale Spender ist. Darüber hat er sich gefreut: „Ich werde vielleicht ein Menschenleben retten!“
Vor der Entnahme musste er zuerst zur Voruntersuchung. Die dient dazu, sicherzugehen, dass der zweifache Vater mit der Spende kein gesundheitliches Risiko eingeht. Außerdem erklärte ihm die Ärztin genau, wie die Entnahme abläuft und welche Risiken möglich sind. Er machte sich Sorgen, dass er Langzeitfolgen davontragen könnte. Aber nach dem Gespräch war er zuversichtlich: „Ich wurde über alles aufgeklärt und dann war es okay – alles nicht so schlimm.“

Seine Familie unterstützt ihn. Auch seine Vorgesetzten halten ihm den Rücken frei: „Mein Chef fand es gut. Er sagte: ‚Du schenkst Hoffnung‘.“

Die Stammzellen befinden sich im Knochenmark. Um sie zu übertragen, gibt es zwei Möglichkeiten: Bei der klassischen Methode – der Knochenmarkspende – entnehmen die Mediziner Knochenmark aus dem Beckenknochen des Spenders – niemals aus dem Rückenmark. Die Entnahme von Stammzellen aus dem peripheren Blutkreislauf – ähnlich wie bei einer Plasmaspende oder Dialyse – ist heute die am häufigsten angewandte Methode. Dazu wird dem Spender einige Tage lang ein körpereigener Botenstoff verabreicht, der die Stammzellen aus dem Knochenmark in das Blut übergehen lässt. In einer Entnahmestation werden dann die Stammzellen aus dem Blut herausgefiltert bzw. zentrifugiert. Apherese heißt dieses Verfahren, mit dem auch Michele Colucci spendet.

Die Spende hat der Fan der italienischen Fußballmannschaft Juventus Turin gut überstanden: „Es ist alles gut verlaufen. Es war kein großer Aufwand. Ich hoffe, dass meine Stammzellen dem Patienten helfen.“

Emil Morsch, Gründer der Stefan-Morsch-Stiftung, erklärt: „Das Beispiel von Michele Colucci zeigt die nachhaltige Wirkung, die Typisierungsaktionen haben. Vielleicht wird schon in wenigen Wochen oder Monaten ein Spender, der sich heute typisieren lässt, einem Menschen Hoffnung auf Leben schenken. In jedem Fall aber bietet die Typisierung die Chance, dass nach Jahren, aber auch noch Jahrzehnte später Leben gerettet werden kann. Zugleich wird durch einen solchen Aufruf diese weitestgehend unbeachtete Form der Lebendspende in der Öffentlichkeit thematisiert.“