Hoffen – Helfen – Heilen

Oliver Frank hat vor 14 Jahren eine Entscheidung getroffen, die das Leben eines wildfremden Menschen verändern wird. Der Maschinenbautechniker aus Ennepetal (Ennepe-Ruhr-Kreis) hat sich bei der Stefan-Morsch-Stiftung als Stammzellspender registrieren lassen. Jetzt könnte diese Entscheidung einem an Leukämie erkrankten Menschen irgendwo auf der Welt das Leben retten. Der 46-Jährige hat keine Ahnung, wie dieser Mensch heißt, er weiß nur: Dieser Mensch hat Leukämie und ohne Oliver Franks Hilfe keine Chance, den Blutkrebs zu besiegen.
Die Stefan-Morsch-Stiftung, die älteste Stammzellspenderdatei Deutschlands, leistet seit fast 30 Jahren Hilfe für Leukämie- und Tumorkranke. Hauptziel der Stiftung ist es, Menschen zu werben, sich als Stammzellspender zu registrieren. Beinahe täglich sind Teams der Stiftung in ganz Deutschland unterwegs, um junge Menschen als Stammzellspender zu gewinnen. Vor 14 Jahren war ein solches Team in Ennepetal bei einer Blutspende des DRKs. Damals haben sich 86 Menschen als potenzielle Lebensretter registrieren lassen. Oliver Frank war einer von ihnen: „Ich bin damals immer zur Blutspende gegangen, weil die Oma meiner Frau Blutkrebs hatte und jede Woche vier Liter Blut gebraucht hat. Daher weiß ich, wie wichtig Blutspenden sind. Und an einem Termin wurde ich von einem Mitarbeiter der Stefan-Morsch-Stiftung gefragt, ob ich mich typisieren lassen will und dann hab ich das gemacht.“

Aus einer Blutprobe (knapp ein Fingerhut voll Blut) sind bei der Typisierung des heute 46-Jährigen die Gewebemerkmale bestimmt und bei der Spenderdatei gespeichert worden. Seitdem stehen sie anonym im deutschen Zentralregister (ZKRD) in Ulm, wo sie mit denen der Patienten weltweit verglichen werden können. Mit jedem neu gewonnenen Spender erhöht sich somit die Chance, dass einem leukämiekranken Patienten das Leben gerettet werden kann.

Leukämie ist aber nur eine der bösartigen Erkrankungen, die eine Übertragung gesunder Blutstammzellen erfordern können. Mit der Transplantation von Stammzellen bekommt der Patient ein neues blutbildendes System – seine einzige Chance auf Leben, wenn Chemotherapie oder Bestrahlungen nicht geholfen haben. Eine solche Transplantation ist aber nur möglich, wenn es Menschen wie Oliver Frank gibt, die sich typisieren lassen – sprich: als Stammzellspender einer Spenderdatei erfasst sind. Um Stammzellen transplantieren zu können, müssen die Gewebemerkmale von Spender und Patient übereinstimmen. So sind in den Knochenmark- und Stammzellspenderdateien wie der Stefan-Morsch-Stiftung zwar weltweit etwa 25 Millionen Menschen registriert – trotzdem ist es immer noch ein Glücksfall, wenn sich für einen Patienten ein passender Spender findet.

Oliver Frank ist so ein Glücksfall. Als Maschinenbautechniker arbeitet er in der Arbeitsvorbereitung bei der Alanod GmbH & Co. KG, einem Spezialisten in der Oberflächen- und Aluminiumveredelung. Er hat einen 15-jährigen und einen 12-jährigen Sohn. Beim FC Blau-Weiß Voerde trainiert Oliver Frank die Mannschaft der D-Jugend, in der auch sein jüngster Sohn Fußball spielt. Der Techniker spielt auch Fußball, allerdings bei einem gegnerischen Verein: SV Büttenberg. „Das wissen die meisten. Bei Vereinsfesten ist das dann immer ein bisschen unangenehm“, scherzt Frank. Anfang Juni 2014 rief ihn die Stefan-Morsch-Stiftung an: Er kommt als Spender für einen Patienten in Frage, ob er zur Stammzellentnahme bereit wäre. „Ich hätte nicht gedacht, dass es tatsächlich soweit kommt. Ich dachte, das wäre schon sehr unwahrscheinlich“, gibt Frank zu. Dann Mitte August rief ihn die Stiftung wieder an und erklärte, dass er der optimale Spender wäre. Da saß er gerade mit seiner Familie am Frühstückstisch vor seinem Wohnwagen im kroatischen Istrien. „Erst da wurde mir bewusst, dass es ernst wird“, erzählt Oliver Frank, „ich hab dann alles so gelegt, dass wir auf dem Heimweg mit dem Wohnwagen zur Stiftung nach Birkenfeld zur Voruntersuchung gefahren sind. Eine Nacht blieben wir dann da auf einem Campingplatz.“ Frau und Kinder finden es toll, dass er einem Leukämiepatienten helfen will. Auch seine Vorgesetzten hielten ihm für den Entnahmetermin den Rücken frei.

Bevor Oliver Frank Stammzellen spenden durfte, wurde er umfassend aufgeklärt und gründlich untersucht. Diese Voruntersuchungen dienen dazu herauszufinden, ob er wirklich der optimale Spender ist. Gleichzeitig soll ausgeschlossen werden, dass der Spender ein gesundheitliches Risiko eingeht. Die Mitarbeiter der Stiftung beraten und begleiten den Spender während dieser ganzen Vorbereitungsphase. Jegliche Kosten für die Untersuchungen, die Versicherung sowie An- und Abreise zum Entnahmeort werden übernommen. Oliver Frank ist zufrieden: „Die Mitarbeiter der Stiftung waren alle freundlich und hilfsbereit. Ich wurde gut betreut.“

Dann begann die entscheidende Phase vor der Transplantation: Die Stammzellen befinden sich im Knochenmark. Um sie zu übertragen, gibt es zwei Möglichkeiten: Die Entnahme peripherer Blutstammzellen aus dem Blut – ähnlich wie bei einer Plasmaspende oder Dialyse. Dazu wird dem Spender einige Tage lang ein körpereigener Botenstoff verabreicht, der die Stammzellen aus dem Knochenmark in das Blut übergehen lässt. In einer Entnahmestation werden dann die Stammzellen aus dem Blut herausgefiltert bzw. zentrifugiert. Apherese heißt dieses Verfahren, das heute am häufigsten angewandt wird.

Bei der klassischen Methode – der Knochenmarkspende – entnehmen die Mediziner Knochenmark aus dem Beckenknochen des Spenders – niemals aus dem Rückenmark. Dieser Eingriff dauert zirka eine Stunde. Weder der Spender noch der Patient erfahren zu diesem Zeitpunkt, wer der andere ist. Oliver Frank und sein Empfänger bleiben in jedem Fall bis zum Ablauf von zwei Jahren anonym. Erst danach besteht die Möglichkeit, je nach Gesetzeslage des Landes, in dem der Patient lebt, dass Spender und Patient einander kennenlernen können.

Aber bis dahin ist es noch ein langer Weg: Parallel zur Vorbereitung von Oliver Frank wird in der behandelnden Transplantationsklinik der Patient vorbereitet. Das bedeutet: Sein Immunsystem wird stark unterdrückt oder sogar ausgelöscht – durch Bestrahlung oder/und Chemotherapie. Wenn er sich jetzt mit einem Virus infiziert oder es aus irgendeinem Grund mit der Stammzellspende nicht klappt, ist sein Leben massiv gefährdet. Emil Morsch, Vorstandsvorsitzender der Stefan-Morsch-Stiftung: „Eine Transplantation ist immer eine letzte Chance. Diese Chance hat er nur durch Oliver Frank.“

Der 46-Jährige hat per Apherese gespendet. Nach der Entnahme zieht er ein positives Fazit: „Gut, dass es diese Möglichkeit gibt! Ich hoffe, dass es hilft und der Patient wieder gesund wird!“