Hoffen – Helfen – Heilen

Wer kann schon von sich behaupten das Leben eines Menschen gerettet zu haben? Patrick Riethmüller kann das. Der 21-Jährige aus Hildesheim hat sich vor zwei Jahren als StammzellStammzellenspender bei der Stefan-Morsch-Stiftung, Deutschlands ältester StammzellStammzellenspenderdatei, registrieren lassen. Damals ahnte er noch nicht, wie wichtig, der kleine hellblaue Ausweis einmal werden könnte. Beinahe täglich sind Teams der Stefan-Morsch-Stiftung in ganz Deutschland unterwegs, um in den Kasernen junge Soldaten als StammzellStammzellenspender zu gewinnen. Im Jahr 2012 konnten rund 8556 Angehörige der Bundeswehr in die Stammzellenspenderdatei der Stiftung aufgenommen werden. Die Blutentnahme findet in den meisten Fällen in Zusammenarbeit mit dem Blutspendedienst der Bundeswehr statt, so dass nur eine Blutentnahme erfolgen muss. Das Motto lautet deshalb auch: Einmal stechen, zweimal helfen. Patrick Riethmüller hat seinen Grundwehrdienst in Rotenburg an der Wümme absolviert und ist dort zur Blutabnahme gegangen. Ein Röhrchen ging damals ins Labor der Stefan-Morsch-Stiftung. Dort wurden Riethmüllers Gewebemerkmale analysiert und in der Stammzellenspenderdatei gespeichert. Etwa ein Jahr darauf bekam er die Nachricht, dass er einem an Leukämie erkrankten Menschen vielleicht das Leben retten kann.
Leukämie ist nur eine der bösartigen Erkrankungen, die eine Übertragung gesunder Blutstammzellen erfordern können. Mit der Transplantation von Stammzellen bekommt der Patient ein neues blutbildendes System – seine einzige Chance auf Leben, wenn Chemotherapie oder Bestrahlungen nicht geholfen haben. Eine solche Transplantation ist aber nur möglich, wenn es Menschen gibt, die sich typisieren lassen – sprich: als StammzellStammzellenspender in der Stammzellenspenderdatei erfasst sind. Um Stammzellen transplantieren zu können, müssen die Gewebemerkmale von Stammzellenspender und Patient übereinstimmen. So sind in den Knochenmark- und StammzellStammzellenspenderdateien wie der Stefan-Morsch-Stiftung zwar weltweit über 21,5 Millionen Menschen registriert – trotzdem ist es immer noch ein Glücksfall, wenn sich für einen Patienten ein passender Stammzellenspender findet.
Patrick Riethmüller hat sich für die Spende peripherer Blutstammzellen entschieden, heute eine der gängigsten Methoden zu Entnahme von Stammzellen. Hierbei gewinnt man die zur Transplantation erforderlichen Zellen aus dem Blut des Stammzellenspenders. Dem Stammzellenspender wird über ca. 4 Tage ein körpereigener Botenstoff gegeben. Dieses Medikament (G-CSF), zweimal täglich unter die Haut gespritzt, stimuliert die Produktion der Stammzellen, die dann aus dem Knochenmark in das periphere Blut übertreten. Hierbei können Nebenwirkungen wie Knochen- oder Gliederschmerzen – ähnlich einer Grippe – auftreten. Die Symptome klingen nach der Spende rasch ab. Der Chef seines Stabes hat Riethmüller Sonderurlaub gewährt: „Das hat Priorität“, meinten die Vorgesetzten und unterstützten Riethmüller bei der Spende.
In der Entnahmestation der Stefan-Morsch-Stiftung wurden dann die Stammzellen aus dem Blut mittels Apherese „herausgewaschen“ (zentrifugiert) – ähnlich wie bei einer Blutplasmaspende oder einer Dialyse. Die Spende wird ambulant durchgeführt. Es ist kein stationärer Aufenthalt mit einem operativem Eingriff und Narkose erforderlich. Bis dahin wusste der junge Soldat nichts über den Patienten – seinen genetischen Zwilling. Er kannte weder den Namen, noch das Alter oder das Herkunftsland. Denn der Datenschutz spielt eine große Rolle bei dieser Form der Organspende. Wenige Monate später bekam Riethmüller dann erneut Post von der Stefan-Morsch-Stiftung: „Ich dachte erst, das sei wieder ein Fragebogen, wie er zur Nachsorge in gewissen Zeitabständen von der Stiftung verschickt wird. Aber es war ein Dankesbrief von meinem Empfänger.“
„Ein solcher anonymisierter Briefkontakt ist schon nach wenigen Wochen möglich“, erklärt die Stefan-Morsch-Stiftung. Voraussetzung ist, dass beide Seiten damit einverstanden sind. Patrick Riethmüller ist total überrascht von dem Brief. Es ist der Brief eines Mannes aus England, 60 Jahre alt. Er und seine Familie danken dem jungen deutschen Soldaten, dass er ihm im Kampf gegen den Blutkrebs beigestanden hat. Erst in diesem Moment wird Patrick Riethmüller klar: „Ich habe da etwas Wichtiges gemacht.“ Er würde gerne eine Antwort verfassen. Aber seine Bundeswehrzeit neigt sich dem Ende zu. Er will Politik oder Sozialwissenschaften studieren – vielleicht später Journalist werden. Er kommt nicht dazu den Brief aus England zu beantworten. Denn erneut bekommt er Nachricht von der Stefan-Morsch-Stiftung. Nach der Stammzellspende werden die Stammzellenspender für weitere Entnahmen bis zu zwei Jahre reserviert. Das bedeutet: Treten bei dem Patienten auch nach der Übertragung von Stammzellen Komplikationen auf, entscheidet das behandelnde Transplantationszentrum sich bisweilen dafür, das blutbildende System mit einer weiteren Lymphozyten-Infusion zu unterstützen. Patrick Riethmüller wird gefragt, ob er noch einmal helfen möchte.
„Ich war ein bisschen enttäuscht“, erzählt Riethmüller. Ihm kommt der Gedanke, dass seine Spende vielleicht doch nicht so erfolgreich war.“ Sieglinde Wolf, Ärztliche Leiterin der Entnahmestation bei der Stefan-Morsch-Stiftung, sieht das jedoch anders: „Treten bei dem Patienten auch nach der Übertragung von Stammzellen Komplikationen auf, entscheidet das behandelnde Transplantationszentrum sich bisweilen dafür, das blutbildende System mit einer weiteren Lymphozyten-Infusion zu unterstützen. Mit der Transplantation von Stammzellen bekommt der Patient ein neues blutbildendes System, die im Stammzellkonzentrat enthaltenen Lymphozyten zerstören die restlichen Leukämiezellen.“ Riethmüller ist weiterhin fest entschlossen: „Ich habe diesem Menschen schon einmal geholfen. Mit der Lymphozytenspende will ich helfen, dass er seine Therapie abschließen kann.“
Emil Morsch, Gründer der Stefan-Morsch-Stiftung, weiß: „Der Kampf gegen die Leukämie ist oft ein langer, auch leidvoller Weg. Aber mit der Stammzellspende geben die Stammzellenspender den Patienten, eine Chance auf Heilung. Und eine Chance ist besser als keine Chance.“ Patrick Riethmüller will nun den Mann, dem er geholfen hat, „furchtbar gerne kennen lernen“. Möglich ist das frühestens in zwei Jahren, aber bis dahin ist sicherlich auch ein Briefwechsel in Gang gekommen.