Hoffen – Helfen – Heilen

Irgendwo in England gibt es eine junge Frau, die an Leukämie erkrankt ist. Patrick Voigt aus Ensdorf kennt sie nicht. Der 51 Jährige weiß nicht, wie alt die Frau ist. Er weiß nicht, ob sie schon Kinder hat. Er weiß nur: Dieser jungen Frau will er das Leben retten. Denn nur seine Stammzellen können der Frau die Chance geben, den Blutkrebs zu besiegen. Wenn man Patrick Voigt darauf anspricht, scheint er selbst ein bisschen über sich erstaunt zu sein: „Eigentlich bin ich ein Mimöschen.“Patrick Voigt ist verheiratet, hat zwei erwachsene Kinder und arbeitet als Prozessplaner bei der ZF Friedrichshafen AG in Saarbrücken. Der Konzern bringt mit seinen Getriebe-Entwicklungen so ziemlich alles in Bewegung: Autos und Lkw, Baumaschinen und Busse, Schienenfahrzeuge, Windkraftanlagen und Schnellboote. Im Herbst 2011 bewegt die Saarbrücker Mitarbeiter aber das Schicksal von Tobias. Der Sohn eines Arbeitskollegen ist an Leukämie erkrankt und braucht dringend eine Stammzelltransplantation. Arbeitskollegen, Freunde und Familie organisieren zusammen mit der Stefan-Morsch-Stiftung eine beispiellose Hilfsaktion innerhalb des Betriebes. Die Birkenfelder Stiftung ist die älteste Stammzell-Spenderdatei Deutschlands. Unter dem Leitmotiv “Helfen – Hoffen – Heilen“ leistet sie schnelle und persönliche Hilfe für Krebskranke und ihre Familien. Jedes Jahr erkranken allein in Deutschland etwa 11 000 Menschen an bösartigen Blutkrankheiten wie etwa der Leukämie. Jeder zweite Patient ist ein Kind oder Jugendlicher. Je nach Leukämieart variieren die Heilungsaussichten. Oftmals reicht die Behandlung mit einer Chemotherapie oder Bestrahlung aber nicht aus. Dann ist die Übertragung gesunder Blutstammzellen die einzige Hoffnung auf Leben. Eine solche Transplantation ist aber nur möglich, wenn sich ein passender Stammzell- bzw. Knochenmarkspender zur Verfügung stellt. Deshalb wirbt die Stefan-Morsch-Stiftung für eine „Typisierung“ – eine Registrierung in der Spenderdatei. Oft werden solche Typisierungsaktionen in Zusammenarbeit mit großen Unternehmen organisiert und geplant. Die ZF Friedrichshafen AG ist so ein Konzern. Die Mitarbeiter werden kurzerhand aufgerufen sich typisieren zu lassen.
Das bedeutet: Nach entsprechender Aufklärung muss ein Spender schriftlich sein Einverständnis zur Blutabnahme und Registrierung seiner Daten bei der Stefan-Morsch-Stiftung geben. Aus einer Blutprobe(knapp ein Fingerhut voll Blut) werden die Gewebemerkmale des Spenders im hauseigenen Labor der Stiftung bestimmt und bei der Spenderdatei gespeichert. Von dort werden sie anonym dem Zentralregister des ZKRD in Ulm übermittelt, wo sie mit denen der Patienten weltweit verglichen werden können. Die ZF-Mitarbeiter stehen Schlange: Mehr als 1600 lassen sich als Stammzellspender registrieren – auch Patrick Voigt.
Als er die Nachricht erhält, dass er einem Menschen helfen kann, sagt er: „Selbstverständlich. Es ist ein schönes Gefühl, wenn man helfen kann.“ Familie, Freunde, Arbeitskollegen und auch seine Firma unterstützen ihn. ZF Friedrichshafen verzichtet auf die Erstattung des Verdienstausfalls und spendet das Geld an die Stiftung. Patrick Voigt, der gerne Tennis und Volleyball spielt, entscheidet sich für eine Knochenmarkentnahme. Stammzellen befinden sich im Knochenmark. Aus diesen Mutterzellen bilden sich verschiedene Blutkörperchen, die unter anderem für den Sauerstofftransport und das Immunsystem verantwortlich sind. Um Stammzellen zu übertragen gibt es zwei Möglichkeiten: Bei der Spende peripherer Blutstammzellen gewinnt man die zur Transplantation erforderlichen Blutstammzellen aus dem Blut des Spenders. Dem Spender wird über ca. 4 Tage ein körpereigener Botenstoff gegeben, der die Produktion der Stammzellen stimuliert und sie aus dem Knochenmark in das periphere Blut übertreten lässt. In einer Entnahmestation werden die Stammzellen aus dem Blut mittels Apherese „herausgewaschen“ (zentrifugiert) – ähnlich wie bei einer Blutplasmaspende oder einer Dialyse.
Patrick Voigt aber lässt sich Knochenmark entnehmen. Ein Eingriff, über den es immer noch viele falsche Vorstellungen gibt, so Andrea Djifroudi, Sprecherin der Stefan-Morsch-Stiftung. Sie erklärt: „Bei diesem Verfahren wird Knochenmark durch Punktion des Beckenkamms gewonnen – niemals aus dem Rückenmark. Dieser Eingriff wird stationär in einer Spezialklinik vorgenommen. Unter Vollnarkose wird dem Spender ca. 1 Liter Knochenmark-Blut-Gemisch entnommen. Die Menge bildet sich innerhalb von 14 Tagen nach. Was bleibt, sind zwei kleine Narben über dem Gesäß.“
Patrick Voigt lässt diesen Eingriff in Wiesbaden machen. „Auf der Station dort habe ich gesehen, wie sehr die Patienten leiden.“ Nach der Entnahme kehrt wieder Ruhe in sein Leben ein. Er schreibt er der Patientin einen Brief. Doch statt einer Antwort bekommt er die Nachricht: Die Patientin ist noch nicht über den Berg. Sie braucht noch eine Lymphozytenspende. Nach der Stammzelltransplantation werden die Spender für weitere Entnahmen bis zu zwei Jahre reserviert. Das bedeutet: Treten bei dem Patienten auch nach der Übertragung von Stammzellen Komplikationen auf, entscheidet das behandelnde Transplantationszentrum sich bisweilen dafür, das blutbildende System mit einer weiteren Lymphozyten-Infusion zu unterstützen. Die funktioniert wie die Blutstammzellapherse – ohne dass vorher der Botenstoff verabreicht wird.
Patrick Voigt hat geholfen: „Ich kann nur jedem empfehlen sich typisieren zu lassen. Man kann mit wirklich wenig Aufwand etwas Großes bewirken.“ Emil Morsch, Gründer der Stiftung, ergänzt diesen Satz: „Stammzellspende kann man Leben retten – was gibt es Größeres?“