Hoffen – Helfen – Heilen

30 000 bis 40 0000 Blutproben von Spendern und Patienten werden jährlich im HLA-Labor der Stefan-Morsch-Stiftung auf ihre Gewebemerkmale hin untersucht. Hier arbeitet Peter Trojok, 25 Jahre alt. Sein Alltag ist die Miolekularbiologie, sein Arbeitsgerät Pipette und Sequenzierer. Seine Arbeit ist ein Teil des Räderwerkes, das ineinander greifen muss, um Menschen mit Leukämie das Leben zu retten. Peter Trojok ist stolz darauf, seinen Teil dazu beizutragen. Auch deshalb hat er sich vor zwei Jahren typisieren lassen. Jetzt ist er der erste Mitarbeiter der Stefan-Morsch-Stiftung, der die Chance bekommen hat, auch als Stammzellspender ein Leben zu retten.
Die Stefan-Morsch-Stiftung ist die älteste Stammzell-Spenderdatei Deutschlands. Das wusste Peter Trojok nicht, als er 2008 jeden Tag von Dambach aus mit dem Fahrrad zum Umweltcampus nach Neubrücke radelte – vorbei an der Stiftung. „Bioverfahrenstechnik“ hieß der Studiengang, den der gelernte Biologisch Technische Assistent belegt hatte. Irgendwann schmiss er das Studium und bewarb sich bei der Stiftung. Erst im Bewerbungsgespräch wurde ihm der Zusammenhang klar: Die Tausende von Blutröhrchen, die hier mit einem Barcode versehen, auf Gewebemerkmale untersucht werden, sind nicht irgendwelche Blutproben. Es sind die Blutproben von Spendern, die sich bereit erklärt haben, einem wildfremden Menschen, die Chance zu geben, dem Tod zu entfliehen. Es sind aber auch Blutproben dabei, von Patienten und ihren Angehörigen, die dringend einen Spender suchen: „Das hat mich geschockt. Als ich die Geburtsdaten gesehen habe. Oh Gott! Das ist ein Kind!“ Peter Trojoks Gedanke war: „Was machen diese Menschen durch?“ Ihm wurde bewusst, dass er nicht irgendeinen Job, in irgendeinem Labor macht. Seine Arbeit und die seiner Kolleginnen im Labor trägt dazu bei, dass Menschen mit Leukämie den Blutkrebs besiegen können.

Unter dem Leitmotiv “Helfen – Hoffen – Heilen“ leistet die Stefan-Morsch-Stiftung seit mehr als 25 Jahren schnelle und persönliche Hilfe für Krebskranke und ihre Familien. Je nach Leukämieart variieren die Heilungsaussichten. Oftmals reicht die Behandlung mit einer Chemotherapie oder Bestrahlung aber nicht aus. Dann ist die Übertragung gesunder Blutstammzellen die einzige Hoffnung auf Leben. Eine solche Transplantation ist aber nur möglich, wenn sich ein passender Stammzell- bzw. Knochenmarkspender zur Verfügung stellt. Deshalb wirbt die Stefan-Morsch-Stiftung für eine „Typisierung“ – eine Registrierung in der Spenderdatei. Das bedeutet: Nach entsprechender Aufklärung muss ein Spender schriftlich sein Einverständnis zur Blutabnahme und Registrierung seiner Daten geben.
Aus einem Fingerhut voll Blut pipettiert Peter Trojok die weißen Blutkörperchen heraus. Diese Träger der menschlichen DNA werden dann genauer untersucht: Die HLA-Merkmale, verzeichnet auf einem winzigen Abschnitt der DNA, sind entscheidend. Im besten Fall stimmen zehn von zehn dieser Merkmale mit denen eines Spenders überein. Dann sind die Chancen, dass eine Stammzelltransplantation erfolgreich sein könnte so, dass die behandelnden Ärzte eine Übertragung befürworten. Je weniger diese Merkmale übereinstimmen, desto größer ist das Risiko, dass das Transplantat, insbesondere die Lymphozyten des Spenders den Körper des Patienten, nicht akzeptieren und es zu einer so genannten „Transplantat gegen Wirt“-Erkrankung kommt, bei der vorwiegend Haut-, Schleimhäute und Leberzellen des Patienten geschädigt werden.

Peter Trojok hat sich seine Gewebemerkmale auf dem Monitor angeschaut: Für den Laien ist das ein verwirrendes Gewimmel aus farbigen Bändern. Peter Trojok aber sieht auf einen Blick, wenn er eine seltene, außergewöhnliche Zusammensetzung der HLA-Merkmale vor sich hat: „Ich habe eine 08/15 Reihe.“ So wusste er, dass seine Chancen, tatsächlich Stammzellspender zu werden, ganz gut sind. Dass er für eine Reihe von Menschen als Spender in Frage kommen könnte.

Peter Trojok hat keine einfache Zeit hinter sich: Dass er das Studium aufgegeben hat, hat in der Familie nicht gerade Begeisterung ausgelöst. Aber er hat sich durchgebissen. Abgestrampelt, im wahrsten Sinne des Wortes. Heute sagt er: „Hier habe ich meinen Traumberuf. Ich habe Glück gehabt. Und jetzt auch noch Spender zu werden – perfekt?“

Stimmen bei einer weltweiten Suchanfrage die Gewebemerkmales eines in der Datei verzeichneten Spenders, mit denen eines Patienten überein, benachrichtigt die Stefan-Morsch-Stiftung ihren in Frage kommenden Spender. Die Mitarbeiterinnen fragen noch einmal nach, ob er zu Spende bereit sei und bitten dann um eine erneute Blutprobe: Was folgt sind eine Reihe von Untersuchungen, bei denen geprüft wird, ob der Spender tatsächlich übereinstimmende Gewebemerkmale hat und ob er gesund ist. Das passiert in der so genannten CT-Abteilung (Confirmatory typing) der Stefan-Morsch-Stiftung, um sowohl für den Spender als auch für die Patienten das Risiko der Transplantation so gering wie möglich zu halten. Entscheidet sich die Transplantationsklinik dann für diesen Spender wird die Work-Up-Abteilung der Stefan-Morsch-Stiftung aktiv. Sie koordiniert zusammen mit der transplantierenden Klinik, mit dem Spender und der Entnahmestation den Termin für die Entnahme. Hier werden Tickets und Unterkünfte gebucht, um den Spender zur Entnahmestation zu bringen. Im Ernstfall wird auch mit dem Arbeitgeber des Spenders gesprochen, wenn Spender von der Arbeit freigestellt werden müssen. Finanzielle Nachteile durch Arbeitsausfälle werden ausgeglichen.

Unterdessen läuft in der Transplantationsklinik die Vorbereitung des Patienten an. Peter Trojok weiß – wie alle Spender – nicht, wer der Empfänger ist, welche Krankheit er genau hat und wo der Patient lebt. Das verbietet der Datenschutz. Trojok darf nach der Spende nur so viel wissen: Es ist ein älterer Mann aus Großbritannien. Erst zwei Jahre nach der Spende besteht die Möglichkeit, dass Spender und Empfänger sich kennen lernen, wenn alle Beteiligten damit einverstanden sind. Aber bis dahin ist es noch ein langer Weg.

Mit Chemotherapie und Bestrahlung wird das Immunsystem des Patienten komplett ausgeschaltet, damit sich sein Körper nicht gegen das neue blutbildende System wehrt, das ihm mit den Stammzellen des Spenders übertragen wird. Denn eine solche Abwehrreaktion kann tödlich enden.

Vor der Entnahme der Stammzellen wurde Peter Trojok zu einem Voruntersuchungstermin eingeladen. Es findet eine ärztliche Befragung statt und es folgte eine umfassende körperliche Untersuchung mit Ultraschall des Abdomens, EKG und Blutentnahmen für umfangreiche Laboruntersuchungen sowie eine detaillierte Aufklärung über das Stammzellverfahren, die Wirkung und Nebenwirkung des Botenstoffs, der zu einer vorübergehenden Anreicherung der Stammzellen im Blutkreislauf führen. Die Untersuchungen und die Aufklärung sind die Grundlage um gesundheitliche Risiken für den Spender und Empfänger zu bewerten. Denn erst dann kann die Ärztin der Stiftung den Spender für die Spende freigeben. Die Freigabe für die Stammzellspende erfolgt nach wenigen Tagen und Peter Trojok konnte, wie geplant 4 Tage vor der Stammzellspende mit der Medikamentenverabreichung beginnen. Das heißt: Er musste sich den Botestoff in die Bauchdecke spritzen.

Das bewirkt, dass die Stammzellen, die normalerweise nur im Knochenmark vorhanden sind, ins Blut übergehen, und somit über eine maschinelle Stammzellentnahme gesammelt werden können. Um Stammzellen zu übertragen, gibt es zwei Möglichkeiten: Die Entnahme von Knochenmark auf dem Beckenkamm – niemals aus dem Rückenmark. Oder die Entnahme peripherer Blutstammzellen aus dem Blut – ähnlich wie bei einer Dialyse.
Das Spritzen des Botenstoffs hat Peter Trojok Überwindung gekostet. Über 4 Tage – zweimal täglich – spritzte er sich das Medikament in das Fettgewebe der Bauchdecke. Die Nebenwirkungen – Kopf- und Gliederschmerzen – sind nicht ausgeblieben, sind aber nach der Entnahme schnell abgeklungen. „Ich habe daran gedacht, was jetzt der Patient und seine Angehörigen durchmachen. Vielleicht hat der Mann Kinder oder Enkelkinder?“ Am Tag der Entnahme – nachdem er an die Maschine angeschlossen war – wurde überprüft, wie gut sein Körper Stammzellen produziert hat. 80 000 weiße Blutkörperchen pro Milliliter sind ein gutes Ergebnis. „Ich hatte 130 000. Jetzt wusste ich, dass ich ein gutes Transplantat abgegeben werde¨, erzählt Peter Trojok. Die Ärztin Sieglinde Wolf, Leiterin der Entnahme-Einheit bei der Stefan-Morsch-Stiftung, unterstreicht, dass die Hilfe für Leukämiekranke Teamarbeit ist, zu der die Stefan-Morsch-Stiftung, die Stammzellspender und viele andere ihren Beitrag leisten – um Leben zu retten : „Peter Trojok hat – wie alle unsere Spender, – mit der Spende von Stammzellen alles ihm Mögliche getan, um einer erfolgreichen Transplantation den Weg zu ebenen.“