Hoffen – Helfen – Heilen

Leukämie – 11 000 Mal pro Jahr wird allein in Deutschland diese Diagnose gestellt. Die Betroffenen: Mal ist es ein berühmter Fußballer, mal die Frau eines Arbeitskollegen, mal der Sohn eines Vereinskameraden, mal der Bekannte eines Freundes – es könnte aber auch die eigene Frau, das eigene Kind treffen. Das weiß René Kopp aus Saulheim (Kreis Alzey-Worms). Deshalb hat er sich 2002 als potenzieller Lebensretter bei der Stefan-Morsch-Stiftung, Deutschlands ältester Stammzellspenderdatei, registrieren lassen. Jetzt konnte er helfen.Die Stefan-Morsch-Stiftung leistet seit fast 30 Jahren Hilfe für Leukämie- und Tumorkranke. Hauptziel der Stiftung ist es, Menschen zu werben, sich als Stammzellspender registrieren zu lassen. Beinahe täglich sind Teams der Stiftung in ganz Deutschland unterwegs, um junge Menschen als Stammzellspender zu gewinnen. Vor zwölf Jahren war ein solches Team in Trier bei der Zivildienstschule. Damals war er als Zivildienstleistender wegen eines Lehrgangs dort und hat sich als potenzieller Lebensretter aufnehmen lassen: „Ich kannte das vorher nicht. Uns wurde alles erklärt und ich fand, dass die Typisierung eine gute Sache ist.“
Eine Sprecherin der Stiftung erklärt: „Als Typisierung bezeichnet man die eigentlichen Laborarbeiten, die für eine Aufnahme in die Stammzellspenderdatei notwendig sind. Aus einer Blutprobe – es genügt ein Fingerhut voll Blut – werden die für eine Transplantation relevanten Gewebemerkmale (HLA-Werte) im Labor bestimmt. Das gleiche funktioniert auch mit einem Abstrich der Mundschleimhaut.“ Damit hatte der 34-Jährige den ersten Schritt auf dem Weg zum Lebensretter getan.
Leukämie ist nur eine der bösartigen Erkrankungen, die eine Übertragung gesunder Blutstammzellen erfordern können. Mit der Transplantation von Stammzellen bekommt der Patient ein neues blutbildendes System – seine einzige Chance auf Leben, wenn Chemotherapie oder Bestrahlungen nicht geholfen haben. Eine solche Transplantation ist aber nur möglich, wenn es Menschen wie René Kopp gibt, die sich typisieren lassen – sprich: als Stammzellspender einer Spenderdatei erfasst sind. Um Stammzellen transplantieren zu können, müssen die Gewebemerkmale von Spender und Patient übereinstimmen. So sind in den Knochenmark- und Stammzellspenderdateien wie der Stefan-Morsch-Stiftung zwar weltweit über 20 Millionen Menschen registriert – trotzdem ist es immer noch ein Glücksfall, wenn sich für einen Patienten ein passender Spender findet.
René Kopp ist so ein Glücksfall. Der gebürtige Pfungstädter arbeitet bei der KSB AG in Frankenthal, einem Hersteller von Pumpen, Armaturen und zugehörigen Systemen, die in der Industrie-, Energie-, Wasser-, Abwasser- und Gebäudetechnik gebraucht werden. Eines der vielen Einsatzfelder ist die Lebensmitteltechnologie – Life Science Applications lautet der Fachbegriff. Und genau diesen Bereich leitet der studierte Braumeister- und Getränketechnologe. Für das international gefragte Unternehmen ist er das ganze Jahr über weltweit unterwegs. Zuhause ist er für seine Frau und den Sohn da. Alle drei spielen Tennis und gehen so oft wie möglich gemeinsam zum Training.
Anfang 2014 meldet sich die Stefan-Morsch-Stiftung bei ihm: Der Familienvater ist der passende Spender für einen Leukämiepatienten. „Das war die dritte Anfrage, immer für einen anderen Patienten. Bei den ersten beiden Malen passte ich nach weiteren Untersuchungen doch nicht. Deswegen dachte ich mir zuerst nichts dabei und war ganz entspannt“, erzählt Kopp. Aber wenige Wochen später stand fest, dass er diesmal der optimale Spender war. „Da habe ich nicht lange überlegt. Dass ich spende war klar. Dafür hatte ich mich ja angemeldet.“ Die Familie unterstützt sein Engagement, auch der kleine Sohn: „Ich habe ihm von Anfang an alles erklärt. Er hat das alles sehr aufmerksam aufgenommen, sich aber auch ein bisschen Sorgen gemacht“, erzählt Kopp. Seine Vorgesetzten sind begeistert und spenden den Verdienstausfall von René Kopp an die Stiftung. „Vor der Entnahme hat sich die Personalabteilung nochmal bei mir gemeldet und mir viel Glück für die Spende gewünscht“, erzählt René Kopp.
Bevor der Tennisspieler Stammzellen spenden darf, wird er umfassend aufgeklärt und gründlich untersucht. Diese Voruntersuchungen dienen dazu herauszufinden, ob er wirklich der optimale Spender ist. Gleichzeitig soll ausgeschlossen werden, dass der Getränketechnologe ein gesundheitliches Risiko eingeht. Die Mitarbeiter der Stiftung beraten und begleiten ihn während dieser ganzen Vorbereitungsphase.
Dann beginnt die entscheidende Phase vor der Transplantation: Die Stammzellen befinden sich im Knochenmark. Um sie zu übertragen, gibt es zwei Möglichkeiten: Die Entnahme peripherer Blutstammzellen aus dem Blut – ähnlich wie bei einer Plasmaspende oder Dialyse. Dazu wird dem Spender einige Tage lang ein körpereigener Botenstoff verabreicht, der die Stammzellen aus dem Knochenmark in das Blut übergehen lässt. In einer Entnahmestation werden dann die Stammzellen aus dem Blut herausgefiltert bzw. zentrifugiert. Apherese heißt dieses Verfahren, das heute am häufigsten angewandt wird.
Bei der klassischen Methode – der Knochenmarkspende – entnehmen die Mediziner Knochenmark aus dem Beckenknochen des Spenders – niemals aus dem Rückenmark. Dieser Eingriff dauert zirka eine Stunde. Weder der Spender noch der Patient erfahren zu diesem Zeitpunkt, wer der andere ist. René Kopp und sein Empfänger bleiben in jedem Fall bis zum Ablauf von zwei Jahren anonym. Erst danach besteht die Möglichkeit, je nach Gesetzeslage des Landes, in dem der Patient lebt, dass Spender und Patient einander kennenlernen können.
Aber bis dahin ist es noch ein langer Weg: Parallel zur Vorbereitung von René Kopp wird in der behandelnden Transplantationsklinik der Patient vorbereitet. Das bedeutet: Sein Immunsystem wird stark unterdrückt oder sogar ausgelöscht – durch Bestrahlung oder/und Chemotherapie. Wenn er sich jetzt mit einem Virus infiziert oder es aus irgendeinem Grund mit der Stammzellspende nicht klappt, ist sein Leben massiv gefährdet. Emil Morsch, Vorstandsvorsitzender der Stefan-Morsch-Stiftung: „Eine Transplantation ist immer eine letzte Chance. Diese Chance hat er nur durch René Kopp“.
Nach der Apherese wirbt der Familienvater dafür, sich als Stammzellspender registrieren zu lassen: „Für mich war das keine große Sache. Das wichtigste ist, dass es Erfolg hatte. Ich würde es immer wieder machen und empfehle jedem, sich zu typisieren und zu spenden, wenn er die Möglichkeit dazu hat.“