Hoffen – Helfen – Heilen

Im normalen Leben kümmert sich der IT-Supporter René Rettkowski vom WDR um die Computer seiner Kollegen mit Home Office. Und gerade stellt er mit Kollegen aus dem IT-Support 6000 Rechner auf ein neues Betriebssystem um. Doch in den vergangenen Wochen hat ein wildfremder Mensch das Leben des 39-Jährigen ein bisschen auf den Kopf gestellt. Denn es ging um Leben und Tod dieses Menschen, der irgendwo auf der Welt lebt und an Leukämie erkrankt ist. René Rettkowski aus Swisttal (Rhein-Sieg-Kreis) ist der Einzige, der diesem wildfremden Menschen die Chance geben kann, vom Blutkrebs geheilt zu werden. Denn der IT-Fachmann ist der passende Stammzellspender und seit sechs Jahren bei der Stefan-Morsch-Stiftung, Deutschlands ältester Stammzellspenderdatei, registriert.Die Stefan-Morsch-Stiftung leistet seit fast 30 Jahren Hilfe für Leukämie- und Tumorkranke. Hauptziel der Stiftung ist es, Menschen zu werben, sich als Stammzellspender zu registrieren. Beinahe täglich sind Teams der Stiftung in ganz Deutschland unterwegs, um junge Menschen als Stammzellspender zu gewinnen. Im Jahr 2008 war ein solches Team in Köln. Damals hat sich Der Familienvater als potenzieller Lebensretter registrieren lassen: „Die Kollegen einer anderen Rundfunkanstalt haben für einen erkrankten Mitarbeiter zur Typisierung aufgerufen. Ich dachte, wenn ich die Chance habe, jemandem zu helfen, sollte ich es machen.“
Eine Sprecherin der Stiftung erklärt: „Als Typisierung bezeichnet man die eigentlichen Laborarbeiten, die für eine Aufnahme in die Stammzellspenderdatei notwendig sind. Aus einer Blutprobe – es genügt ein Fingerhut voll Blut – werden die für eine Transplantation relevanten Gewebemerkmale (HLA-Werte) im Labor bestimmt. Das gleiche funktioniert auch mit einem Abstrich der Mundschleimhaut.“ Damit hatte der 39-Jährige den ersten Schritt auf dem Weg zum Lebensretter getan.
Leukämie ist nur eine der bösartigen Erkrankungen, die eine Übertragung gesunder Blutstammzellen erfordern können. Mit der Transplantation von Stammzellen bekommt der Patient ein neues blutbildendes System – seine einzige Chance auf Leben, wenn Chemotherapie oder Bestrahlungen nicht geholfen haben. Eine solche Transplantation ist aber nur möglich, wenn es Menschen wie René Rettkowski gibt, die sich typisieren lassen – sprich: als Stammzellspender einer Spenderdatei erfasst sind. Um Stammzellen transplantieren zu können, müssen die Gewebemerkmale von Spender und Patient übereinstimmen. So sind in den Knochenmark- und Stammzellspenderdateien wie der Stefan-Morsch-Stiftung zwar weltweit über 20 Millionen Menschen registriert – trotzdem ist es immer noch ein Glücksfall, wenn sich für einen Patienten ein passender Spender findet.
René Rettkowski ist so ein Glücksfall. Gemeinsam mit seiner Frau und der 8-jährigen Tochter wohnt er in Swisttal. Miteinander teilen sie ein großes Hobby: Reiten. „Vor vier Jahren hat meine Tochter angefangen zu reiten. Die Trainer und sie haben uns überredet, es auch mal zu probieren. Und jetzt machen wir es gern“, erzählt Rettkowski. „Im November hatten wir unseren ersten großen Ausritt: Im Grand Canyon. Drei Stunden waren wir unterwegs. Das war super“, schwärmt er.
Im Frühling 2014 rief ihn eine Mitarbeiterin der Stefan-Morsch-Stiftung an und erklärte, dass er als Spender für einen Patienten in Frage kommt, ob er zur Stammzellspende bereit wäre. „Ich habe nicht großartig darüber nachgedacht. Der Aufwand war relativ gering für mich und risikofrei.“ Wenige Wochen nach genaueren Blutuntersuchungen klingelte wieder das Handy von René Rettkowski. Er war gerade mit seiner Familie auf einer Mittelmeerkreuzfahrt: Die Spende sollte in den nächsten Wochen stattfinden. Die Familie war stolz auf ihn und sein Engagement. Obwohl Rettkowski in der Zeit viele Projekte betreut, hielten ihm seine Vorgesetzten den Rücken frei: „Ein Kollege hat sich sofort bereit erklärt, mich zu vertreten.“
Bevor René Rettkowski Stammzellen spenden darf, wird er umfassend aufgeklärt und gründlich untersucht. Diese Voruntersuchungen dienen dazu herauszufinden, ob er wirklich der optimale Spender ist. Gleichzeitig soll ausgeschlossen werden, dass der Spender ein gesundheitliches Risiko eingeht. Die Mitarbeiter der Stiftung beraten und begleiten den Spender während dieser ganzen Vorbereitungsphase.
Dann beginnt die entscheidende Phase vor der Transplantation: Die Stammzellen befinden sich im Knochenmark. Um sie zu übertragen, gibt es zwei Möglichkeiten: Die Entnahme peripherer Blutstammzellen aus dem Blut – ähnlich wie bei einer Plasmaspende oder Dialyse. Dazu wird dem Spender einige Tage lang ein körpereigener Botenstoff verabreicht, der die Stammzellen aus dem Knochenmark in das Blut übergehen lässt. In einer Entnahmestation werden dann die Stammzellen aus dem Blut herausgefiltert bzw. zentrifugiert. Apherese heißt dieses Verfahren, das heute am häufigsten angewandt wird.
Bei der klassischen Methode – der Knochenmarkspende – entnehmen die Mediziner Knochenmark aus dem Beckenknochen des Spenders – niemals aus dem Rückenmark. Dieser Eingriff dauert zirka eine Stunde. Weder der Spender noch der Patient erfahren zu diesem Zeitpunkt, wer der andere ist. René Rettkowski und sein Empfänger bleiben in jedem Fall bis zum Ablauf von zwei Jahren anonym. Erst danach besteht die Möglichkeit, je nach Gesetzeslage des Landes, in dem der Patient lebt, dass Spender und Patient einander kennenlernen können.
Aber bis dahin ist es noch ein langer Weg: Parallel zur Vorbereitung von Rettkowski wird in der behandelnden Transplantationsklinik der Patient vorbereitet. Das bedeutet: Sein Immunsystem wird stark unterdrückt oder sogar ausgelöscht – durch Bestrahlung oder/und Chemotherapie. Wenn er sich jetzt mit einem Virus infiziert oder es aus irgendeinem Grund mit der Stammzellspende nicht klappt, ist sein Leben massiv gefährdet. Emil Morsch, Vorstandsvorsitzender der Stefan-Morsch-Stiftung: „Eine Transplantation ist immer eine letzte Chance. Diese Chance hat er nur durch René Rettkowski“.
Der IT-Spezialist hat per Apherese gespendet: „Alles ist gut gelaufen. Ich hoffe jetzt, dass ich jemandem dabei helfen kann, sein Leben wieder aufzubauen. Ich kann nur jedem empfehlen, sich auch typisieren zu lassen.“ (dji)