Hoffen – Helfen – Heilen

Beinahe täglich sind Teams der Stefan-Morsch-Stiftung in ganz Deutschland unterwegs, um junge Soldaten als StammzellStammzellenspender zu gewinnen. Im Jahr 2012 konnten rund 8556 Angehörige der Bundeswehr in die Stammzellenspenderdatei der Stiftung aufgenommen werden. Menschen, die sich bereit erklärt haben, im Ernstfall für einen an Leukämie erkrankten Menschen Stammzellen zu spenden und so dem Patienten die Chance auf Heilung zu geben. Simon Hofmann aus Werneck (Kreis Schweinfurt) ist einer von ihnen. Er hat sich im November 2012 typisieren lassen. Keine drei Monate später wurde er jetzt als Lebensretter gebraucht. Simon Hofmann ist gerade dabei, in die Offizierslaufbahn zu wechseln. Der 33 Jährige besucht deshalb die Schule für Feldjäger und Stabsdienst in Hannover, macht aber gerade für ein Jahr ein Praktikum in der Balthasar-Neumann-Kaserne in Veitshöchheim, weil er Personaloffizier werden will. Eigentlich wollte der Oberfähnrich sich schon immer typisieren lassen, aber: „Ich habe panische Angst vor Spritzen“, gibt er offen zu. Doch als er erfährt, dass die Tochter eines Kommandeurs an Leukämie erkrankt ist und einen StammzellStammzellenspender sucht, ist seine Entscheidung klar. „Als Vater von zwei kleinen Mädchen sieht man die Welt einfach mit anderen Augen“, sagt der Soldat.
„Typisierung“ lautet der Fachbegriff für die Aufnahme in die StammzellStammzellenspenderdatei: Nach entsprechender Aufklärung muss ein Stammzellenspender schriftlich sein Einverständnis zur Registrierung seiner Daten geben. Aus einer Blutprobe – es genügt ein Fingerhut voll Blut – werden die Gewebemerkmale des Stammzellenspenders im Labor bestimmt. Gleiches funktioniert auch mit einem Abstrich der Mundschleimhaut, der mit Hilfe eines Wattestäbchens durchgeführt wird. Die Gewebemerkmale werden nach der Analyse bei der Stammzellenspenderdatei – der Stefan-Morsch-Stiftung – gespeichert. Von dort werden sie anonym an das deutsche Zentralregister übermittelt, wo die weltweiten Suchanfragen nach einem passenden Stammzellenspender auflaufen. Die Typisierung an den verschiedensten Bundeswehrstandorten findet in den meisten Fällen in Zusammenarbeit mit dem Blutspendedienst der Bundeswehr statt, so dass nur eine Blutentnahme erfolgen muss. Das Motto lautet deshalb auch: Einmal stechen, zweimal helfen.
Simon Hofmann ist kaum einen Monat nachdem er sich als potenzieller Lebensretter registrieren ließ, als Stammzellenspender angefragt worden. Die ersten Gedanken nach dieser Nachricht sind widersprüchlich, denn die Angst vor den Nadeln ist immer noch da. „Aber man ist auch froh, dass man helfen kann. Und die Stammzellspende ist die Möglichkeit, etwas zurückzugeben.“ Er entscheidet sich, zu helfen.
Emil Morsch, Vorstandsvorsitzender der Stiftung: „Bei uns stehen die Menschen im Mittelpunkt, die Hilfe benötigen.“ Fast 11 000 Menschen erkranken jedes Jahr an Leukämie. Oft ist eine Stammzelltransplantation ihre einzige Chance, dem Blutkrebs zu entkommen. „Leider wissen viele Menschen nicht, dass jeder gesunde Mensch ab 18 Jahren mit einer Stammzelltransplantation Leben retten kann“, so der Stiftungsgründer. „In den vergangenen Jahren haben wir sehr gut mit der Bundeswehr kooperiert“, berichtet der 69 Jährige. So ist der Anteil der Soldaten in der Datei stark gestiegen: Nicht nur, dass die Zahl der typisierten Soldaten innerhalb der Stammzellenspenderdatei kontinuierlich wächst, auch der Anteil der StammzellStammzellenspender liegt heute bei 30 Prozent. „173 Lebensretter, die die Stefan-Morsch-Stiftung im vergangenen Jahr vermittelt hat, sind Angehörige der Bundeswehr“, berichtet Emil Morsch. „Diese erfolgreiche Zusammenarbeit wollen wir fortführen.“
Simon Hofmann wurde vor der Transplantation einem umfangreichen gesundheitlichen Check unterzogen. Auch über die Chancen und Risiken wurde er von der Stefan-Morsch-Stiftung aufgeklärt: „Ich habe mich gut aufgehoben gefühlt.“ Leukämie ist eine bösartige Erkrankung der weißen Blutkörperchen, die ihren Ausgang im Knochenmark nimmt, wo sämtliche Blutzellen des Menschen im Körper gebildet werden. Diese Stammzellen befinden sich im Knochenmark. Damit die Entnahme stattfinden kann, ist ein koordinatorischer Drahtseilakt nötig: Die Mitarbeiterinnen der Stefan-Morsch-Stiftung müssen mit der Transplantationsklinik des Patienten und dem Stammzellenspender einen genauen Zeitplan abstimmen. Denn der Patient, der dringend auf die Stammzelltransplantation angewiesen ist, muss zum exakt vorbestimmten Zeitpunkt diese Transplantation bekommen. Entscheidend ist dabei auch, dass sein Gesundheitszustand die Übertragung der Stammzellen erlaubt. Denn der Patient wird parallel zum Stammzellenspender auf die Stammzellen-Übertragung vorbereitet. Sein Immunsystem wird komplett ausgeschaltet – durch Bestrahlung oder/und Chemotherapie. Eine Therapiephase, die sehr belastend ist. Wenn der Patient sich jetzt mit einem Virus infiziert oder es aus irgendeinem Grund mit der Stammzell-Spende nicht klappt, ist sein Leben massiv gefährdet.
Um die Stammzellen beim Stammzellenspender zu entnehmen gibt es heute zwei Varianten: Bei der klassischen Methode der Knochenmark-Entnahme entnehmen Mediziner etwa 0,8 bis 1,5 Liter Knochenmark-Blut-Gemisch aus dem Beckenknochen des Stammzellenspenders – niemals aus dem Rückenmark. Dieser Eingriff dauert zirka eine Stunde. Die zweite Methode ist die Entnahme peripherer Blutstammzellen aus dem Blut – ähnlich wie bei einer Plasmaspende oder Dialyse. Dazu wird dem Stammzellenspender vorher ein körpereigener Botenstoff verabreicht, der die Stammzellen aus dem Knochenmark in das Blut übergehen lässt. Dieser Botenstoff löst beim Stammzellenspender im Vorfeld oft grippeähnliche Symptome – wie Kopf- und Gliederschmerzen aus. Diese verschwinden aber mit der Entnahme der Stammzellen.
Simon Hofmann hat seine Angst vor den Spritzen nicht überwunden. Aber er hat sie hintenan gestellt, um einem wildfremden Menschen – vielleicht einem Kind, vielleicht einem Familienvater – die Chance auf leben zu geben. Seine Frau, seine Freunde, aber auch seine Vorgesetzten bei der Bundeswehr wie etwa Oberstleutnant Torsten Franz Haack haben ihn dabei voll unterstützt. „Ich werde kein Fan von Spritzen werden“, lächelt der 33 Jährige, „aber es war einfach die Möglichkeit Hilfe zu leisten. Eine solche Chance bekommt man nur ganz selten. Ich kann nur jeden ermutigen, sich typisieren zu lassen.“