Hoffen – Helfen – Heilen

Eigentlich wollte Stefan Gimmerthal im Juni an die Ostsee reisen – Urlaub machen. Doch der 29-Jährige aus Finnentrop (Kreis Olpe) hat einen ganz anderen Weg eingeschlagen. Der Bäcker ist nach Rheinland-Pfalz gefahren, um vielleicht das Leben eines wildfremden Menschen zu retten. Dieser Mensch ist todkrank: Er hat Leukämie. Und Stefan Gimmerthal ist der wahrscheinlich einzige Mensch, der ihm vielleicht das Leben retten kann – mit einer Stammzellspende.Die Geschichte beginnt eigentlich vor 11 Jahren. Damals ging Stefan Gimmerthal zur Blutspende. Die Stefan-Morsch-Stiftung, Deutschlands älteste StammzellStammzellenspenderdatei, war auch da. Unter dem Leitmotiv “Hoffen – Helfen – Heilen“ bietet die gemeinnützige Stiftung seit 1986 Hilfe für Leukämie- und Tumorkranke. Ihr Ziel ist es, Menschen zu werben, sich als StammzellStammzellenspender registrieren zu lassen. „Typisierung“ lautet der Fachbegriff für die Aufnahme in die Datei: Nach entsprechender Aufklärung muss ein Stammzellenspender schriftlich sein Einverständnis zur Registrierung seiner Daten geben. Aus einer Blutprobe – es genügt ein Fingerhut voll Blut – werden die Gewebemerkmale des Stammzellenspenders im Labor bestimmt. Diese Merkmale werden nach der Analyse bei der Stefan-Morsch-Stiftung gespeichert. Von dort werden sie anonym an das deutsche Zentralregister übermittelt, wo die weltweiten Suchanfragen nach einem passenden Stammzellenspender auflaufen.
Stefan Gimmerthal war 19 Jahre alt als er sich typisieren ließ: „Das haben damals alle gemacht.“ Jetzt ergaben seine Gewebemerkmale, die seitdem in der Datei erfasst sind, einen Treffer. Die Stammzellenspenderdatei kontaktierte ihn und fragte, ob er noch bereit sei, Stammzellen zu spenden. Obwohl er eigentlich in Urlaub fahren wollte, war klar: Der inzwischen verheiratete Bäcker will helfen. Sein Chef von der Bäckerei Friedhoff stand ebenfalls dahinter und bot an, dass er einfach seinen Urlaub verschieben kann: „Kein Problem. Es war schließlich der einzige Weg, wie man diesem Menschen helfen konnte“, sagt der passionierte Dartspieler, der beim 1. SDC Siegerland in der Bezirksliga antritt.
Leukämie ist eine bösartige Erkrankung der weißen Blutkörperchen, die ihren Ausgang im Knochenmark nimmt, wo sämtliche Blutzellen des Menschen im Körper gebildet werden. Diese Stammzellen befinden sich im Knochenmark. Damit die Entnahme stattfinden kann, ist ein koordinatorischer Drahtseilakt nötig: Die Mitarbeiterinnen der Stefan-Morsch-Stiftung müssen mit der Transplantationsklinik des Patienten und dem Stammzellenspender einen genauen Zeitplan abstimmen. Denn der Patient, der dringend auf die Stammzelltransplantation angewiesen ist, muss zum exakt vorbestimmten Zeitpunkt diese Spende bekommen. Entscheidend ist dabei, dass sein Gesundheitszustand die Übertragung der Stammzellen erlaubt. Sein Immunsystem wird vor der Transplantation komplett ausgeschaltet – durch Bestrahlung oder/und Chemotherapie. Eine Therapiephase, die sehr belastend ist. Parallel zum Patienten musste auch Stefan Gimmerthal auf die Entnahme vorbereitet werden – ein Wettlauf mit der Zeit.
Um die Stammzellen beim Stammzellenspender zu entnehmen gibt es heute zwei Varianten: Bei der klassischen Methode der Knochenmark-Entnahme entnehmen Mediziner etwa 0,8 bis 1,5 Liter Knochenmark-Blut-Gemisch aus dem Beckenknochen des Stammzellenspenders – niemals aus dem Rückenmark. Dieser Eingriff dauert zirka eine Stunde. Die zweite Methode ist die Entnahme peripherer Blutstammzellen aus dem Blut – ähnlich wie bei einer Plasmaspende oder Dialyse. Dazu wird dem Stammzellenspender vorher ein körpereigener Botenstoff verabreicht, der die Stammzellen aus dem Knochenmark in das Blut übergehen lässt. Dieser Botenstoff löst beim Stammzellenspender im Vorfeld oft grippeähnliche Symptome – wie Kopf- und Gliederschmerzen aus. Diese verschwinden aber mit der Entnahme der Stammzellen. Gimmerthal hat diese Prozedur hinter sich. Er zuckt mit den Schultern: „Ich habe mir vorher eigentlich keinen großen Kopp gemacht. Man kann einfach ein Menschenleben retten.“ Und dann grinst er ein bisschen: „Außerdem will ich einfach meinen genetischen Zwilling kennenlernen. Das fände ich sehr spannend.“