Hoffen – Helfen – Heilen

Den Basketball ließ der 25-Jährige Sven Mengering aus Köln ein paar Tage unberührt. Der Grund: Sein genetischer Zwilling braucht ihn. Der Kölner weiß nicht, wo auf der Welt dieser Mensch lebt, ob er oder sie noch ein Kind ist oder schon erwachsen. Mengering weiß nur: „Ich kann einem schwer Erkrankten die Chance auf Leben geben.“ Dafür hat er sich 2010 ganz bewusst entschieden und registrierte sich als StammzellStammzellenspender bei der Stefan-Morsch-Stiftung.
Die Stiftung ist Deutschlands älteste StammzellStammzellenspenderdatei mit Sitz im rheinland-pfälzischen Birkenfeld. Seit fast 30 Jahren leistet sie Hilfe für Leukämie- und Tumorkranke. Hauptziel der ist es, Menschen zu werben, sich als StammzellStammzellenspender zu registrieren – Menschen wie Sven Mengering.

Der Student erinnert sich noch genau an den Tag im Dezember 2010. Mit ein paar Studienkollegen fuhr er zur Deutschen Sporthochschule in Köln. Er hatte von dem Typisierungsaufruf gehört: „Ich dachte, kann ja nicht schaden, sich typisieren zu lassen. Es ist kein großer Aufwand und wenn man helfen kann, ist das eine tolle Sache.“

Die Registrierung war ganz einfach: Erst ein Gesundheitsfragebogen, dann das schriftliche Einverständnis und dann eine kleine Blutprobe – ein Fingerhut voll genügt schon. Daraus werden die für eine Transplantation relevanten Gewebemerkmale (HLA-Werte) im Labor bestimmt. Das gleiche funktioniert auch mit einer Speichelprobe. Und die Schokolade, die Mengering nach der Registrierung von Mitarbeitern der Stiftung geschenkt bekam, tröstete ihn während des Staus auf dem Rückweg: „Auf dem Rückweg standen wir wegen Schneechaos lange im Stau. Das einzige, was wir an Essen dabei hatten, war die Schokolade“, erzählt er lachend.

Leukämie ist nur eine der bösartigen Erkrankungen, die die Transplantation gesunder Blutstammzellen notwendig machen. So bekommt der Patient ein neues blutbildendes System – die einzige Chance auf Leben, wenn Chemotherapie oder Bestrahlungen nicht ausreichen. Um Stammzellen zu spenden, müssen die Gewebemerkmale von Stammzellenspender und Patient übereinstimmen. Weltweit sind mehr als 25 Millionen Menschen als potenzielle Lebensretter registriert – trotzdem ist es für jeden Patienten ein Glücksfall wenn sich passender Stammzellenspender findet.

Sven Mengering ist so ein Glücksfall. Er studiert an der Cologne Business School den Studiengang International Business. Seinen Bachelor hat er bereits, jetzt ist er im 2. Mastersemester. Seine Freizeit verbringt er mit seiner Freundin oder macht Sport. Neben Basketball bei der DT Ronsdorf, geht er ins Fitnessstudio. Im August ruft die Stefan-Morsch-Stiftung bei ihm an: Er kommt als Stammzellenspender für einen Leukämiepatienten in die nähere Auswahl. Als er in dem Gespräch gefragt wird, ob er bereit ist zu helfen, sagt er „Ja!“ Wenn mehrere Stammzellenspender in Frage kommen, entscheidet der transplantierende Arzt, darüber wer spenden darf. „Es wurde ein anderer Stammzellenspender gefunden“, erzählt er. Aber im Januar bekommt er wieder einen Anruf: „Ich sollte doch spenden. Warum das doch so kam, weiß ich nicht“, sagt er. „Ich hab mich gefreut und war total aufgeregt.“ Die Familie ist begeistert und seine Freundin begleitet ihn zum Entnahmetermin nach Birkenfeld.

Bevor der Student Stammzellen spenden durfte, wurde er umfassend aufgeklärt und gründlich untersucht. Zum einen wird geklärt, ob der Basketballer wirklich der optimale Stammzellenspender ist. Außerdem muss sie sicherstellen, dass Mengering mit der Entnahme kein gesundheitliches Risiko eingeht. „Mich hat vor allem interessiert, wie lange ich keinen Sport machen darf und auf was ich besser verzichte. Als klar war, dass meine Werte alle gut waren, war ich erleichtert. Der Spende stand nichts mehr im Weg“, erzählt er.

Stammzellen befinden sich im Knochenmark. Um sie zu übertragen, gibt es zwei Möglichkeiten: Die Entnahme von Stammzellen aus dem Blut – ähnlich wie bei einer Plasmaspende oder Dialyse. Dazu wird dem Stammzellenspender einige Tage lang ein körpereigener Botenstoff verabreicht, der die Stammzellen aus dem Knochenmark in das Blut übergehen lässt. Bei der klassischen Methode – der Knochenmarkspende – punktieren die Ärzte den Beckenknochen des Stammzellenspenders – niemals das Rückenmark. Sven Mengering hat sich für die Apherese entschieden. Das bedeutete aber auch, dass er sich ein paar Tage vorher spritzen musste: „Bei der ersten Spritze musste ich mich überwinden. Die Nebenwirkungen habe ich gemerkt. Ich fühlte mich schlapp und hatte Kopf- und Gliederschmerzen. Ich bin selten krank und hab mich da krank gefühlt – das war schon unangenehm. Aber auf keinen Fall war das ein Grund gegen die Spende.“

Emil Morsch, Vorstandsvorsitzender der Stefan-Morsch-Stiftung, erklärt: „Das Beispiel von Sven Mengering zeigt: Eine solche Typisierungsaktion hat immer nachhaltige Wirkung – vielleicht wird schon in wenigen Wochen oder Monaten ein Stammzellenspender, der sich heute hat typisieren lassen, einem Menschen Hoffnung auf Leben schenken können. In jedem Fall aber bietet die Typisierung die Chance, dass nach Jahren, aber auch noch Jahrzehnte später Leben gerettet werden kann. Zugleich wird durch einen solchen Aufruf diese weitestgehend unbeachtete Form der Lebendspende in der Öffentlichkeit thematisiert.“