Hoffen – Helfen – Heilen

Ein kleiner Piek vor zehn Jahren war Tobias von Alberts erster Schritt auf dem Weg zum Lebensretter. In der Rhein-Kaserne in Koblenz ließ sich der 33-Jährige aus Braubach (Rhein-Lahn-Kreis) 2004 als Stammzellspender bei der Stefan-Morsch-Stiftung registrieren. Jetzt hat der Lokführer den zweiten entscheidenden Schritt getan: Er hat seinem an Leukämie erkrankten genetischen Zwilling, einem ihm völlig fremden Menschen, mit einer Stammzellspende die Chance gegeben, den Blutkrebs zu besiegen: „Ich hoffe, dass die Transplantation dem Patienten hilft, dass er überleben kann.“Die Stefan-Morsch-Stiftung mit Sitz in Birkenfeld (Rheinland-Pfalz) ist die älteste Stammzellspenderdatei Deutschlands. Unter dem Leitmotiv “Hoffen – Helfen – Heilen“ bietet die Stiftung seit fast 30 Jahren Hilfe für Leukämie- und Tumorkranke. Hauptziel der Stiftung ist es, Menschen zu werben, sich als Stammzellspender zu registrieren. Beinahe täglich sind Teams der Stiftung in ganz Deutschland unterwegs, um junge Menschen als Stammzellspender zu gewinnen. So werden etwa zusammen mit dem Sanitätsdienst der Bundeswehr in Kasernen die Soldaten über diese Chancen der Stammzellspende aufgeklärt.
Tobias von Albert, 2004 wegen des Pflichtwehrdienstes in Koblenz stationiert, überlegte damals nicht lange: „Mir wurde am Infostand der Stiftung alles erklärt und dann habe ich mich spontan für die Typisierung entschieden.“ Um sich als möglicher Lebensretter bei der Stefan-Morsch-Stiftung zu registrieren, lässt er sich eine Blutprobe abnehmen. So viel wie in einen Fingerhut passt. Eine Sprecherin der Stiftung erklärt: „Das Blut wird in unserem hauseigenen Labor auf die transplantationsrelevanten Gewebemerkmale, die HLA-Werte, untersucht.“ Die Daten werden dann anonym im deutschen Zentralregister des ZKRD gespeichert. Dort laufen die Suchanfragen aus aller Welt auf. Gibt es eine Übereinstimmung mit den Daten eines Patienten, wird die Stammzellspenderdatei informiert, die sich dann mit dem Spender in Verbindung setzt.
Mittlerweile bringt er als Zugführer bei TransRegio Koblenz jeden Tag Menschen von Mainz über Koblenz nach Köln und zurück. Zwischen sechs und elfeinhalb Stunden ist er unterwegs. „In Notsituationen können es auch mal 14 Stunden sein“, erzählt Von Albert. Erholung findet er bei Spaziergängen und mit Freunden.
Im November 2013 klingelt dann das Telefon. Eine Mitarbeiterin der Stefan-Morsch-Stiftung erklärt dem 33-Jährigen, dass er als Spender für einen Leukämiepatienten in Frage kommt. „Fast zehn Jahre nach der Typisierung hatte ich damit nicht mehr gerechnet. Ich hab mich gefreut, dass ich jemandem helfen kann“, erzählt er. Die Familie und seine Frau freuen sich mit Tobias von Albert, machen sich teilweise aber auch Sorgen, ob für ihn alles gut verläuft. Seine Vorgesetzten überraschte er damit, dass er ein Leben retten will: „Sie waren begeistert, dass ich das mache und hatten großen Respekt davor.“
Bevor der Lokführer Stammzellen spenden durfte, wurde er umfangreich aufgeklärt und genau untersucht. Diese Voruntersuchungen sind dazu da, herauszufinden, ob er wirklich der optimale Spender ist. Gleichzeitig soll ausgeschlossen werden, dass der 33-Jährige ein gesundheitliches Risiko eingeht. Die Mitarbeiter der Stiftung beraten und begleiten ihn während dieser ganzen Vorbereitungsphase. Jegliche Kosten für die Untersuchungen, die Versicherung sowie An- und Abreise zum Entnahmeort werden übernommen.
Dann beginnt die entscheidende Phase vor der Transplantation: Mit der Übertragung von Stammzellen bekommt der Patient ein neues blutbildendes System. Die Stammzellen befinden sich im Knochenmark. Um sie zu übertragen, gibt es zwei Möglichkeiten: Die Entnahme peripherer Blutstammzellen aus dem Blut – ähnlich wie bei einer Plasmaspende oder Dialyse. Dazu wird dem Spender einige Tage lang ein körpereigener Botenstoff verabreicht, der die Stammzellen aus dem Knochenmark in das Blut übergehen lässt. In einer Entnahmestation werden dann die Stammzellen aus dem Blut herausgefiltert bzw. zentrifugiert. Apherese heißt dieses Verfahren, das heute am häufigsten angewandt wird.
Bei der klassischen Methode – der Knochenmarkspende – entnehmen die Mediziner Knochenmark aus dem Beckenknochen des Spenders – niemals aus dem Rückenmark. Dieser Eingriff dauert zirka eine Stunde. Weder der Spender noch der Patient erfahren zu diesem Zeitpunkt, wer der andere ist. Tobias von Albert und sein Empfänger bleiben in jedem Fall bis zum Ablauf von zwei Jahren anonym. Erst danach besteht die Möglichkeit, je nach Gesetzeslage des Landes, in dem der Patient lebt, dass Spender und Patient einander kennenlernen können.
Aber bis dahin ist es noch ein langer Weg: Parallel zur Vorbereitung von Tobias von Albert wird in der behandelnden Transplantationsklinik der Patient vorbereitet. Das bedeutet: Sein Immunsystem wird stark unterdrückt oder sogar ausgelöscht – durch Bestrahlung oder/und Chemotherapie. Wenn er sich jetzt mit einem Virus infiziert oder es aus irgendeinem Grund mit der Stammzellspende nicht klappt, ist sein Leben massiv gefährdet. Emil Morsch, Vorstandsvorsitzender der Stefan-Morsch-Stiftung: „Eine Transplantation ist immer eine letzte Chance. Diese Chance hat er nur durch Tobias von Albert.“
Und der unterstützt nach der Spende die Hilfe für Leukämie- und Tumorkranke bei ihren Aufrufen: „Eine Stammzellspende ist nichts schlimmes. Ich würde mir wünschen, dass das Thema bekannter wäre und sich noch mehr Menschen typisieren lassen würden.“