Hoffen – Helfen – Heilen

„Jeder sollte sich typisieren lassen, um vielleicht mal mit einer Stammzellspende einem Leukämiepatient zu helfen. Aber manche haben falsche Vorstellungen oder einfach Angst. Aber vor der Spende muss man keine Angst haben“, sagt Torsten Flatau. Der 28-Jährige aus Bad Wildungen (Kreis Waldeck-Frankenberg) weiß, wovon er spricht: Schon fast sechs Jahre ist er als potenzieller Lebensretter bei der Stefan-Morsch-Stiftung, Deutschlands ältester Stammzellspenderdatei, registriert. Nur für den Fall, dass ein Patient seine Hilfe braucht und er der passende Spender ist. Dieser Fall trat jetzt ein. Vor wenigen Wochen fuhr Torsten Flatau nach Birkenfeld, um bei der Stiftung für den fremden Patienten zu spenden.Der 28-Jährige weiß, jedes Jahr erkranken allein in Deutschland etwa 11 000 Menschen an bösartigen Blutkrankheiten wie etwa der Leukämie. Jeder zweite Patient ist ein Kind oder Jugendlicher. Oft reicht die Behandlung mit einer Chemotherapie oder Bestrahlung nicht aus. Dann ist die Übertragung gesunder Blutstammzellen die einzige Hoffnung auf Leben. Eine solche Transplantation ist aber nur möglich, wenn sich ein passender Stammzell- bzw. Knochenmarkspender zur Verfügung stellt, der die gleichen genetischen Merkmale hat, wie der Patient. Um womöglich irgendwann einem Leukämiekranken zu helfen, registrierte er sich 2009 als möglicher Spender. Damals war er als Pflichtwehrdienstleistender in der Kaserne in Fritzlar stationiert und ging zur Blutspende, die dort für die Angehörigen der Bundeswehr angeboten wurde. Vor Ort waren auch Mitarbeiter der Stammzellspenderdatei. Torsten Flatau ließ sich einfach ein Röhrchen mehr Blut für die Registrierung als Stammzellspender abnehmen: „Ich fand das eine gute Sache. Hier kann man helfen, das ist ein schönes Gefühl.“
Nahezu täglich sind Teams der gemeinnützigen Stiftung bundesweit unterwegs, um über die Hilfe für Leukämie- und Tumorkranke aufzuklären – auch in den verschiedensten Bundeswehrstandorten. Es geht darum, Menschen zu sensibilisieren, sich als Stammzellspender registrieren zu lassen. Aus Flataus Blutprobe wurden im Labor die Gewebemerkmale bestimmt und bei der Spenderdatei gespeichert. Seitdem stehen sie anonym im deutschen Zentralregister (ZKRD) in Ulm, wo sie mit denen der Patienten weltweit verglichen werden können. Mit jedem neu gewonnenen Spender erhöht sich somit die Chance, dass einem leukämiekranken Patienten das Leben gerettet werden kann.
Mittlerweile leitet Torsten Flatau in Bad Arolsen eine Filiale des Dänischen Bettenlagers. Nach Feierabend steht bei ihm Sport auf dem Programm: Entweder geht er ins Fitnessstudio oder trainiert die Fußball-B-Jugend des JSG Friedrichstein. Im August 2014 klingelte dann sein Telefon: Die Stefan-Morsch-Stiftung war dran. Der Bad Wildunger ist der passende Spender für einen an Leukämie erkrankten Menschen, lautet die Nachricht. Als er in dem Gespräch gefragt wird, ob er bereit ist zu helfen, sagt er „Ja!“. Nach einer erneuten Blutuntersuchung, muss er zur Voruntersuchung. „Ich war überrascht, dass ich zu einem Patienten passe. Bekannte von mir sind seit 20 Jahren typisiert und kamen noch nicht in Frage“, erzählt er.
Bei der Voruntersuchung wird zu Flataus Sicherheit abgeklärt, ob er ganz gesund ist. Und er wird komplett über die Chancen und Risiken, aber auch über den Ablauf der Spende aufgeklärt. Danach musste die Spende verschoben werden. Nach Angaben der Stefan-Morsch-Stiftung, tritt dieser Fall dann ein, wenn sich der Gesundheitszustand des Patienten verändert hat und im Moment keine Transplantation möglich ist. Aber ein paar Monate später war es dann soweit.
Mit der Übertragung von Stammzellen bekommt der Patient ein neues blutbildendes System. Die Stammzellen befinden sich im Knochenmark. Um sie zu übertragen, gibt es zwei Möglichkeiten: Die Entnahme aus dem Blut – ähnlich wie bei einer Plasmaspende oder Dialyse. Dazu wird dem Spender einige Tage lang ein körpereigener Botenstoff verabreicht, der die Stammzellen aus dem Knochenmark in das Blut übergehen lässt. In einer Entnahmestation werden dann die Stammzellen aus dem Blut herausgefiltert bzw. zentrifugiert. Apherese heißt dieses Verfahren, das heute am häufigsten angewandt wird. Bei der klassischen Methode – der Knochenmarkspende – punktieren die Ärzte den Beckenknochen des Spenders. – niemals das Rückenmark. Dieser Eingriff dauert zirka eine Stunde.
Der Jugendtrainer hat per Apherese gespendet. Dazu musste er sich ein paar Tage vorher spritzen. Ganz offen erzählt er: „Bei der ersten Spritze war ich zittrig, danach ging es besser. Die Nebenwirkungen des Botenstoffes habe ich kaum gemerkt. Nur leichte Gliederschmerzen.“ Er denkt an den Menschen, der seine Spende so dringend benötigt hat: „Ich hoffe, dass ich helfen und ein Leben retten kann.“