Hoffen – Helfen – Heilen

Angela Merkel soll als Kanzlerin wiedergewählt werden. Das hat sich Thorsten Rietbrock, gebürtiger Illinger, für 2013 vorgenommen. Als Leiter des Unterstützerteams der CDU-Chefin hat der 32 Jährige da jetzt schon viel zu tun: Meetings, Marketing und Management machen zusammen seine 14-Stunden-Alltage aus. Doch vor wenigen Tagen hatte er noch einen anderen wichtigen Termin, und der hatte Priorität 1 auf seiner Agenda. Das Thema: Leukämie. Sein Job: Stammzellspende bei der Stefan-Morsch-Stiftung. Sein Ziel: Leben retten.2000 war Thorsten Rietbrock noch Schüler in St. Wendel. Damals hat er sich „typisieren“ lassen. Mit einem Wattestäbchen wurde ein Abstrich der Wangenschleimhaut genommen. „Kein großer Aufwand, wenn man dadurch die Möglichkeit bekommt, einem Menschen zu helfen“, sagt Rietbrock. Mit Hilfe eines solchen Abstrichs oder einer kleinen Blutprobe (ein Fingerhut voll genügt) werden die Gewebemerkmale analysiert und in der Datei der Stefan-Morsch-Stiftung registriert.
Jährlich erkranken mehr als 10 000 Menschen in Deutschland an Blutkrebs oder einer anderen Krankheit, bei der man im schlimmsten Fall nur durch eine Stammzell-Transplantation eine Chance hat, geheilt zu werden. Wenn eine Chemotherapie oder eine Bestrahlung nicht ausreichen, den Krebs zu besiegen, ist die Transplantation eines neuen, blutbildenden Systems die letzte Möglichkeit. Thorsten Rietbrock weiß, was Leukämie bedeutet. Mit seiner Einverständniserklärung hat er quasi das Versprechen abgegeben, irgendwann einem Menschen – irgendeinem Menschen – eine Überlebenschance zu geben. Denn die Spenderdaten stehen – anonymisiert – in der Zentraldatei (ZKRD) für weltweite Suchanfragen zur Verfügung. So ist die Stefan-Morsch-Stiftung Teil eines internationalen Hilfsnetzwerkes für Leukämie- und Tumorpatienten.
Das alte Versprechen von damals hat Thorsten Rietbrock jetzt eingelöst – trotz Termindruck. Denn längst ist der Hobby-Musiker von der Saar an die Spree gezogen. Aus dem Mitglied der Schüler-Union ist erst ein JU-Landesgeschäftsführer, dann der Wahlkampfteamleiter des saarländischen Ministerpräsidenten Peter Müller und seit geraumer Zeit der Leiter des „teAM Deutschland“ geworden. Somit ist der Frontmann der Saarlouiser Band „foolin‘ around“ in Berlin dafür zuständig, eine Wahlkampftruppe zusammenzustellen und eine Heerschar ehrenamtlicher Wahlkampfhelfer zu koordinieren. Da bleibt wenig Zeit für Privates und der Stress wird sicher auch nicht weniger.
Dass er körperlich fit ist, musste er jetzt bei den Voruntersuchungen für die Stammzellspende bei der Stefan-Morsch-Stiftung in Birkenfeld unter Beweis stellen. Sieglinde Wolf, Ärztin der Stiftung prüfte zum einen, ob er als Spender kein gesundheitliches Risiko eingeht und ob er keine Krankheiten hat, die bei einer Transplantation das Leben des Empfängers gefährden könnte. Erst nachdem sie die Freigabe erteilt hatte, durfte Thorsten Rietbrock spenden.
Für die Entnahme von Stammzellen gibt es zwei Varianten: Die Entnahme von Knochenmark aus dem Beckenkamm mit Hilfe einer Punktionsnadel – ein Eingriff unter Vollnarkose. Oder die Stammzellapherese. Das bedeutet: Thorsten Rietbrock musste sich einen körpereigenen Botenstoff spritzen, der die Produktion von Stammzellen stimuliert und diese dann ins Blut übergehen lässt. Als Nebenwirkungen können vorübergehend grippeähnliche Symptome auftreten. „Vor der Piekserei habe ich schon Respekt“, meinte Rietbrock im Vorfeld. Die Entnahme erfolgte dann ähnlich wie bei einer Blutplasmaspende oder einer Dialyse. Rietbrock hat sich für die Apherese in der Entnahmestation der Stefan-Morsch-Stiftung entschieden. Er hat sich auf Bitten der Stefan-Morsch-Stiftung bereiterklärt, über seine Beweggründe zu sprechen, um auf das Thema Stammzellspende aufmerksam zu machen, denn er hat festgestellt, dass es noch viel Aufklärungsbedarf in Sachen Stammzell- und Knochenmarksspende gibt: „Man muss bedenken, dass da ein Mensch mit dem Leben ringt. Wenn man die Gelegenheit bekommt, einem solchen Menschen zu helfen, sollte man das tun. Hinter dieser Aufgabe treten die eigenen Befindlichkeiten in den Hintergrund.“ Er hofft nun, dass er mit der Stammzellspende Leben retten konnte und irgendwann seinen genetischen Zwilling treffen kann: „Ich will einfach wissen, ob es ihm/ihr gut geht.“