Hoffen – Helfen – Heilen

Zwölf Jahre ist es her, dass im südlichen Niedersachsen gemeinsam mit der Stefan-Morsch-Stiftung für einen leukämiekranken Mann zur Typisierung aufgerufen wurde. Mehr als 480 Menschen ließen sich damals als mögliche Stammzellspender in Deutschlands ältester Stammzellspenderdatei registrieren, um irgendwann einem Leukämiepatienten im Kampf gegen Blutkrebs zu helfen. Unter ihnen war auch die 33-jährige Veronika H.. Mehr als ein Jahrzehnt nach der Typisierung kann sie helfen.“Der Patient für den ein Spender gesucht wurde, war jemand aus dem Dorf, ein Bekannter. Ich ließ mich typisieren, um ihm oder einem anderen Patienten zu helfen“, erinnert sich Veronika H. an die Hilfsaktion im Frühling 2003. „Ich habe gesehen, wie sehr die Familie gelitten und gebangt hat. Es war mir wichtig, zu helfen.“
Inzwischen ist die Beamtin tatsächlich zur Lebensretterin geworden. Denn ihre Stammzellen passen zu einem todkranken Patienten. Im März 2015 kam ein Anruf aus Birkenfeld, dem Sitz der ältesten Stammzellspenderdatei Deutschlands. Eine Mitarbeiterin erklärte ihr, dass ihre genetischen Merkmale mit denen eines Patienten übereinstimmen könnten. „Mein erstes Gefühl war Angst. Aber der Wille zu helfen, hat überwogen“, sagt die 33-Jährige ehrlich. „Meine Cousine hat vor ein paar Jahren auch bei der Stiftung Stammzellen gespendet. Was sie erzählte, hat mir Mut gemacht.“ Die Familie findet gut, was sie macht, „aber sie machen sich auch ein bisschen Sorgen, dass mir was passieren könnte“, ergänzt sie lächelnd. Auch ihre Vorgesetzten bei der Kommunalverwaltung, wo sie als Kreisinspektorin in der Finanzverwaltung arbeitet, unterstützen sie: „Auf das Thema haben sie mit viel Verständnis reagiert.“
Von ihrem Alltag mit Zahlen, Soll, Haben und Saldi erholt sie sich beim Walken oder Lesen. „Ich lese alles Mögliche. Im Moment ein Buch von Ken Follet“, erzählt sie und dann muss sie lachen: „Wie es heißt, habe ich aber vergessen.“
Bevor die 33-Jährige spenden darf, wird sie genau aufgeklärt und gründlich untersucht. Die Untersuchungen dienen dazu, herauszufinden, ob Veronika H. tatsächlich die passende Spenderin ist. Und es muss ausgeschlossen werden, dass die Entnahme für sie ein gesundheitliches Risiko birgt: „In dem Gespräch hat mir die Ärztin alle möglichen Nebenwirkungen, die eintreten könnten, aufgezählt. Das hat mich von der Spende aber nicht abgebracht.“
Mit der Übertragung von Stammzellen bekommt der Patient ein neues blutbildendes System. Die Stammzellen befinden sich im Knochenmark. Um sie zu übertragen, gibt es zwei Möglichkeiten: Bei der klassischen Methode – der Knochenmarkspende – punktieren die Ärzte den Beckenknochen des Spenders – niemals das Rückenmark. Dieser Eingriff dauert zirka eine Stunde. Veronika H. hat mit der zweiten Methode gespendet: Mittels der Apherese. Dabei wurden die Stammzellen – ähnlich wie bei der Plasmaspende – aus dem Blut gefiltert. In den Tagen davor musste sie sich dafür einen körpereigenen Botenstoff spritzen, der die Stammzellen aus dem Knochenmark in das Blut übergehen lässt: „Das war nicht so schlimm, wie ich dachte. Ich habe mich sogar selbst gespritzt.“ Häufig verursacht dieser Botenstoff als Nebenwirkung grippeähnliche Symptome wie Kopf- und Gliederschmerzen, auch bei Veronika H.: „Die Nebenwirkungen waren wie Muskelkater – zum Aushalten.“
Eine Woche vor der Spende hat sie sich aber Sorgen gemacht: „Ich bekam eine Erkältung!“ Sie weiß, dass auch der Patient auf die Transplantation vorbereitet wird. Sein Immunsystem wird stark unterdrückt oder ganz gelöscht. Wenn sie nicht spenden kann, ist das Leben des Patienten gefährdet. „Ich hatte nur ein Ziel: Schnell wieder gesund werden, dass ich spenden kann. Ich hatte täglich Kontakt zur Ärztin der Stiftung. Medikamente sollte ich nicht nehmen. Aber ich sollte inhalieren und ganz viel Tee trinken. Da war ich schnell wieder fit.“
Gespendet hat sie in der Entnahmeeinheit der Stefan-Morsch-Stiftung in Birkenfeld. „Es ist ganz angenehm hier, aber das lange Sitzen ist anstrengend. Dem Patienten geht es sicher schlechter. Ich werde hier gut abgelenkt und kann fernsehen. Jetzt hoffe ich, dass der Patient überlebt.“
Antworten auf die häufigsten Fragen rund um das Thema Stammzellspende:

Wie und wo kann man sich typisieren lassen?
Die aktuellen Termine für die Typisierungsaktionen der Stefan-Morsch-Stiftung findet man auf der Homepage. Zudem gibt es dort auch die Möglichkeit, sich online registrieren zu lassen. Über den Button „Online-Registrierung“ auf der Startseite kann man, die Einverständniserklärung ausfüllen und sich ein Entnahmeset zuschicken lassen. In dem Päckchen ist das entsprechende Material, um sich bei seinem Hausarzt eine kleine Blutprobe entnehmen zu lassen oder eine Speichelprobe durchzuführen. Dieses Päckchen wird einfach an die Stefan-Morsch-Stiftung zurückgesendet.
Jeder gesunde Erwachsene zwischen 18 und 40 Jahren kann kostenlos als Stammzellspender registriert werden. Freiwillige die älter sind als 40 Jahre und Frauen mit mehr als zwei Schwangerschaften sollten sich vorab auf der Internetseite der Stefan-Morsch-Stiftung (www.stefan-morsch-stiftung.de) informieren. Dort lassen sich auch weitere Ausschlusskriterien nachlesen. Info: Stefan-Morsch-Stiftung, gebührenfreie Hotline (08 00 – 766 77 24)
Warum brauchen die Stammzellspenderdateien immer neue Spender?
Die Chancen, für einen an Leukämie erkrankten Patienten innerhalb der eigenen Familie einen passenden Spender zu finden, sind recht gering: Nur bei etwa 30 Prozent der Erkrankten erweist sich ein naher Verwandter als geeigneter Spender. Ein Grund hierfür liegt im Erbgang der für die Transplantation wichtigen Gewebemerkmale und im demografischen Wandel. Bei der großen Vielfalt der Gewebemerkmale in der Bevölkerung ist die Wahrscheinlichkeit, dass diese Merkmale bei zwei nicht verwandten Menschen übereinstimmen, jedoch nicht sehr groß. Sie variiert von 1: 10.000 bis 1: mehreren Millionen. Trotz der hohen Zahl potenzieller Spender, verläuft also noch so manche Suche erfolglos. Erschwerend kommt hinzu, dass das Durchschnittsalter in vielen deutschen Dateien sehr hoch ist, was zur Folge haben wird, dass in den nächsten Jahren viele tausende Spender altersbedingt gelöscht werden müssen.
Können Stammzellspender den Patienten kennenlernen?
Unter Beachtung datenschutzrechtlicher Bestimmungen ist ein Treffen zwischen Spender und Empfänger nach Ablauf von zwei Jahren möglich, wenn beide damit einverstanden sind. Außerdem kann der Spender, soweit der Patient damit einverstanden ist, auch nach der Stammzelltransplantation über den Zustand des Patienten informiert werden. Aber: Leider ist die Gesetzgebung in diesem Bereich von Land zu Land verschieden und eine Kontaktaufnahme zwischen Spender und Empfänger kann nur erfolgen wenn die nationalen Gesetze der Herkunftsländer dies erlauben. In vielen Ländern ist die Kontaktaufnahme aber nach wie vor erlaubt, unter anderem auch in Deutschland und den USA.
Die Stefan-Morsch-Stiftung mit Sitz in Birkenfeld ist die älteste Stammzellspenderdatei Deutschlands. Unter dem Leitmotiv “Hoffen – Helfen – Heilen“ bietet die gemeinnützige Stiftung seit 1986 Hilfe für Leukämie- und Tumorkranke. Hauptziel der Stiftung ist, Menschen zu werben, sich als Stammzellspender registrieren zu lassen. So werden täglich Stammzell- oder Knochenmarkspender aus der stiftungseigenen Spenderdatei von mehr als 400 000 potentiellen Lebensrettern weltweit vermittelt. Die Stiftung ist Mitglied der Stiftung Knochenmark- und Stammzellspende Deutschland (SKD).