Hoffen – Helfen – Heilen
13. September 2022

„Leukämie ist so lange abstrakt, bis es dich persönlich trifft“

„Leukämie ist so lange abstrakt, bis es dich persönlich trifft“
Solidarität als Basis für die lebensrettende Stammzelltransplantation

„Du weißt doch gar nicht, was das für ein Mensch ist. Was ist, wenn es sich um einen Straftäter handelt, jemanden der sogar im Gefängnis sitzt? Und was ist mit den gesundheitlichen Folgen für dich?“ Lisas Freund hat Bedenken. Die damals 24-jährige Wahl-Münchnerin hat sich entschieden, Stammzellen für einen unbekannten Menschen mit Leukämie zu spenden. Zwei Jahre ist das jetzt her: „Für mich war es irrelevant, was das für ein Mensch ist“, sagt Lisa heute. „Wenn ich nicht davon überzeugt gewesen wäre, dass ich das Richtige tue, hätte ich mich gar nicht erst registriert.“

Chemotherapien, Bestrahlungen – nichts hilft gegen den aggressiven Blutkrebs von Mara. Die letzte Hoffnung der Ärzt:innen ist die Übertragung fremder Stammzellen, die sogenannte allogene Stammzelltransplantation. Doch einen ‚genetischen Zwilling‘ für die junge Frau aus Brandenburg zu finden, gestaltet sich schwierig. Das liegt zum einen an den genetischen Gewebemerkmalen, die bei Spender:in und Empfänger:in übereinstimmen müssen. Zum anderen werden wegen der Corona-Pandemie zu diesem Zeitpunkt viele Flüge gestrichen. So gibt es zwar in der Türkei einen potenziellen Spender – doch es ist unsicher, ob seine Stammzellen im vorgeschriebenen Zeitfenster nach Deutschland gebracht werden können. Das Risiko für Mara ist zu groß – die Suche geht weiter.

Dann nimmt die Stefan-Morsch-Stiftung Kontakt zu Lisa in München auf: „Als der Anruf kam, ob ich zur Spende bereit bin, habe ich gar nicht darüber nachgedacht und nur reflexartig gesagt: Klar, sagt mir einfach, was ihr für die Vorbereitungen alles braucht.“ Lisa arbeitet als biologisch-technische Assistentin im Institut für Radiobiologie der Bundeswehr an der Sanitätsakademie. Ihre Kameradinnen und Kameraden finden ihr Engagement toll: „Es kamen einige auf mich zu, die auch registriert sind und meinten, wie super sie das finden, dass das bei mir geklappt hat und ich spenden darf.“ Schnell beginnen die Voruntersuchungen: „Ich wurde vom Team der Stiftung superfreundlich informiert, was auf mich zukommt, wie das ganze Verfahren abläuft. Dann habe ich eine Blutprobe abgegeben. Die erste Person, die gesagt hat, ‚überleg dir das nochmal‘, war mein Freund. Er hatte ethische Bedenken in Bezug auf den Empfänger oder die Empfängerin, aber auch mögliche Risiken haben ihn anfangs sehr verunsichert. Aber auch das hat mich nicht davon abgehalten. Für mich ist und war das irrelevant, was das für ein Mensch ist. Ich habe mich typisieren lassen, um ausnahmslos helfen zu dürfen und somit ist der Sinn und Zweck für mich immer gegeben.“

Die Vorbereitungen für die Stammzelltransplantation beginnen – die wichtigen Genmerkmale der beiden jungen Frauen stimmen überein. Doch Lisa zieht sich eine Erkältung zu und weitere zwei Wochen vergehen, bis sie endlich zur Entnahme freigegeben wird. Unterdessen läuft der schwerkranken Mara die Zeit davon: „Diese Ungewissheit über mehrere Wochen, das war für mich und auch für meine Familie nur sehr schwer auszuhalten“, erzählt sie. Als der ersehnte Tag für die Transplantation endlich da ist, hat sie jedoch vor allem Angst: „Eigentlich dachte ich, dass ich voll erleichtert bin, wenn es soweit ist. Aber dann habe ich total Panik bekommen. Die Ärztin hat mich beruhigt und es war letztendlich auch einfach nur wie eine weitere Infusion. Die meiste Zeit habe ich geschlafen.“  Lisa erfährt nach ihrer Spende lediglich, dass ihre Stammzellen einer jungen Frau in Brandenburg übertragen wurden und alles reibungslos verlaufen ist. „Ich war persönlich sehr froh, als ich gehört habe, dass es ein junges Mädel ist, da hat man auch das Gefühl, dass sie jetzt viel mehr Zeit bekommen hat – das hat mich total gefreut.“

Für Mara geht es nach der Transplantation in kleinen Schritten bergauf: „Alleine essen, laufen, das musste ich alles neu lernen.“ Da in den ersten zwei Jahren kein persönlicher Kontakt erlaubt ist, schreiben sich die beiden jungen Frauen anonymisierte Briefe, die über die Stefan-Morsch-Stiftung weitergeleitet werden: „Das war von Anfang an ein sehr intensiver Austausch und Lisa war mir sofort sympathisch“, erzählt Mara. Sie berichtet ihrer Lebensretterin auch vom Beginn ihrer Erkrankung: „Ich hatte gerade mein Abitur gemacht und war im Praktikum an meiner alten Grundschule, weil ich das ja studieren will. Und weil es mir nicht so gut ging, bin ich zu meinem Hausarzt. Der hat Blut abgenommen – und abends lag ich schon im Krankenhaus und habe meine erste Chemotherapie bekommen. Mit einem Schlag war mein Leben weg, meine ganzen Pläne.“

Nach zwei Jahren können sich die beiden endlich persönlich kennenlernen: „Das Treffen hat sich im Vorfeld schon ziemlich surreal angefühlt, weil man auch mit einer gewissen Erwartung an die Sache rangeht – aber irgendwie auch wieder nicht. Weil man auch gar nicht weiß, was einem jetzt blüht, wie der andere reagiert. Und dann war das… ganz normal. Als kennt man sich schon ewig“, erzählt Lisa. Mara geht es ähnlich: „Ich habe Lisa sofort gemocht. Aber was da eigentlich passiert ist, dass ich ohne sie vielleicht nicht mehr hier wäre – das musste ich erstmal realisieren und sacken lassen.“ Beide verbringen, gemeinsam mit Maras Mutter, einen sonnigen Tag im Münchner Olympiapark. „Wir haben ganz unspektakulär am See gesessen und uns unterhalten. Das war total schön“, erinnert sich Lisa. Dabei entdecken die beiden viele Gemeinsamkeiten: „Uns verbinden die gleichen Charaktereigenschaften. Mara ist ja ein echter Sonnenschein und ich habe eigentlich auch fast immer gute Laune. Wir sind beide kreative und total offene Menschen. Sie ist wie ein kleiner Flummi, da sind wir uns sehr ähnlich.“ Natürlich gibt es auch Unterschiede, „aber nicht viele“, lacht Mara. „Unterschiedlich sind wir glaube ich vor allem in der Optik. Ich bin so eher der Öko und sie ist da eher das Gegenteil. Aber gemeinsam haben wir dann eben wieder auch, dass wir uns gerne besonders anziehen und stylen, dass das eben auch Ausdruck unserer Persönlichkeit ist.“ Lisa ergänzt: „Ich habe immer das Gefühl, sie ist wie eine Schwester. Und ich finde nicht viele Unterschiede, wenn ich ehrlich bin.“

Lisa würde definitiv wieder spenden, denn: „Leukämie, das klingt erst einmal sehr abstrakt. Aber wenn es jemanden aus deiner Familie, dein Kind oder einen guten Freund, eine gute Freundin betrifft – dann wird das alles sehr schnell sehr konkret und realistisch. Ich würde den Menschen da draußen gerne sagen, dass sie sich bitte typisieren lassen sollen – und das am besten schon gestern! Jeder sollte sich überlegen, was ist, wenn es mich trifft oder jemandem der mir sehr wichtig ist. Da wäre ich doch auch dankbar, wenn es Leute gibt, die diesen Menschen im schlimmsten Fall retten würden – wenn es Freiwillige gibt, die gesund sind und helfen. Wenn ich mir überlege, was wäre, wenn es mich betrifft? Dann gehe ich an die Frage sowohl emotional als auch rational ganz anders ran, ob ich mich typisieren lasse oder nicht.“