Hoffen – Helfen – Heilen

Von Michael K. Albrecht
Mit freundlicher Genehmigung des Parsberg Echo-Verlags in Gilching

„Ich hab eigentlich niemals damit gerechnet, dass es je konkret werden würde!“, erklärt der Marnbacher Konstantin Albrecht und fährt fort: „Als ich, einer der letzten Wehrpflichtigen, damals zur Bundeswehr eingezogen wurde, fragte man mich bei der Eingangsuntersuchung ganz routinemäßig, ob ich an einer Typisierung für eine mögliche Stammzellspende teilnehmen wolle.“ Konstantin sagte zu. „Gestochen wurde ich ja sowieso“, lacht er „und da spielte das jetzt auch keine Rolle mehr“, fügt er hinzu. Das war im Oktober 2010.
Inzwischen ist Konstantin 24 Jahre alt und studiert in Augsburg Betriebswirtschaft. Nebenbei jobbt er bei einem Nobel-Caterer. Vor etwa einem Jahr erhielt er erstmals einen Anruf von der „Stefan Morsch Stiftung“ in Birkenfeld. Er käme als Stammzellenspender infrage, ob seine Zusage noch gelte, wollte man dort wissen. „Selbstverständlich habe ich das bestätigt.“ Man sagte ihm, dass man gegebenenfalls wieder auf ihn zukommen werde. Dann aber hörte er nichts mehr von der Stiftung, bis sich nach sechs Wochen jemand meldete und erklärte, die „Reservierungsfrist“ sei abgelaufen, es werde nichts weiter geschehen. Im Dezember dann ein erneuter Anruf aus Birkenfeld. Die gleiche Frage, die gleiche Antwort. „Diesmal aber haben die sich schon nach ganz wenigen Tagen wieder gemeldet und mich zu einer Voruntersuchung nach Birkenfeld eingeladen.“ Die Voruntersuchungen verliefen positiv. „Jetzt wurde es also ernst“, erklärt Konstantin Albrecht. „Ich bekam einiges Infomaterial, wurde über Risiken aufgeklärt und bekam nach meiner erneuten Zusage ein paar Injektionsampullen mit.“ Fünf Tage vor dem Entnahmetermin musste Konstantin damit beginnen, sich täglich zweimal eine Injektion zu setzten. „Dadurch wird im Körper ein grippaler Infekt simuliert, der dazu führt, dass die körpereigene Produktion von Stammzellen erhöht wird“, hatte man ihm erklärt. Für den Fall, dass er Schmerzen bekäme, hatte man ihm Medikamente mitgegeben.

Es wird ernst

Konstantin Albrecht ist mein Sohn. Ich kenne ihn also gut. Wenn Konstantin Tabletten gegen Schmerzen nimmt, dann sind es heftige Schmerzen. Die ersten drei Tage seien die schlimmsten, hatte man ihm gesagt. Danach würde es besser werden. Erleichtert stellte Konstantin fest, dass diese Aussage richtig war. „Aber die verdammte Spritzerei“, gesteht er, „die war fürchterlich.“ Schließlich machten sich er und ich auf den Weg ins rund fünfhundert Kilometer entfernte Birkenfeld zur „Stefan Morsch Stiftung“. Zu diesem Zeitpunkt wurde der Empfänger der Spende bereits für die Übertragung vorbereitet. Sein Immunsystem wurde heruntergefahren. Eine heikle Situation. Würde es jetzt aus irgendeinem Grund nicht zur Spende kommen können, etwa, weil wir unterwegs einen Autounfall oder auch nur eine Panne haben würden, hätte es für den Patienten, einen 34 Jahre alten Mann aus Deutschland, für den Konstantins Spende die letzte Hoffnung ist, fatale Folgen haben können.
Die Fahrt verläuft reibungslos. Zeit und Gelegenheit für ein ausführliches Vater-Sohn-Gespräch. Die Zeit vergeht im Fluge und gegen 20 Uhr treffen wir in Birkenfeld ein. Das Hotel für uns ist bereits reserviert. Man ist hier auf die Aufnahme und Bewirtung von Spendern vorbereitet. Zur Begleichung der Rechnung für das Abendessen genügt Konstantins Unterschrift auf dem Beleg. Auch die Flasche Wasser, die ich auf unser Zimmer mitnehme, geht auf die Stiftung. Konstantin ist schon vorgegangen. Um 22 Uhr muss er sich wieder eine Spritze setzen. Er ist dabei lieber alleine. Mir ist das nicht unrecht. Als ich aufs Zimmer komme, liegt er bereits im Bett und liest. Es wird eine kurze Nacht für ihn, denn kurz vor 5 Uhr geht der Wecker: Die letzte Spritze muss gesetzt werden. Um 7 Uhr schließlich stehen wir auf, duschen und setzen uns zum Frühstück in den Frühstücksraum. Eine halbe Stunde später fahren wir los. Termin ist um 7:45 Uhr.
Noch bei Dunkelheit fahren wir auf den Parkplatz der etwas abseits gelegenen „Stefan Morsch Stiftung“. Hiltrud Morsch empfängt uns persönlich. Zusammen mit ihrem Mann Emil hatte sie die Stiftung 1986 gegründet. Ihr 16 Jahre alter Sohn Stefan war Anfang der 80er Jahre an Leukämie erkrankt. Als erster Europäer wurde ihm 1984 fremdes Knochenmark übertragen. Der Junge überlebte jedoch die Nachsorge nicht. Das ist der Grund, warum die Stiftung nicht nur immer wieder für die Registrierung als Stammzellspender wirbt, sondern auch Patienten ihre Hilfe anbietet. Inzwischen ist sie die älteste Stammzellspenderdatei Deutschlands.

Die Spende

Wir werden ins Wartezimmer geführt und kurz darauf wird Konstantin in ein anderes Zimmer gebeten. Ich könne nachkommen, sobald er „angeschlossen“ sei, wird mir versichert. Das ist nach etwa einer halben Stunde der Fall. Als in ich den Raum komme, liegt Konstantin entspannt auf einer bequemen Liege. In jedem Arm stecken Nadeln mit Schläuchen, die an eine Maschine, ähnlich einem Dialysegerät, angeschlossen sind. Aus dem einem Arm läuft Konstantins Blut. Insgesamt laufen etwa 7,5 Liter Blut durch die Maschine, wo mithilfe einer Zentrifuge die Stammzellen aus dem Blut gefiltert werden. Über den anderen Arm wird das Blut zurück in den Körper geleitet. Dieser Prozess geht zweimal vonstatten. Etwa fünf Stunden sind dafür angesetzt. Mit Konstantin liegen noch zwei andere Spender im Raum. Sie sind bereits den zweiten Tag an die Maschinen angeschlossen. „Das wurde mir schon im Vorfeld gesagt“, erläutert Konstantin. „Wenn beim ersten Mal nicht genug Stammzellen gewonnen werden können, muss ich morgen noch einmal an die Maschine.“ Vorsichtshalber haben wir es deshalb so eingerichtet, dass wir auch den Freitag noch bleiben könnten. Ich beobachte auch die beiden anderen Spender. Einer von ihnen, ein junger Soldat, liegt direkt in meinem Blickfeld. Ich kann seine und Konstantins Instrumententafel beobachten. So sehe ich, dass bei dem Soldaten immer wieder der „Druck“ abfällt. Er muss fast pausenlos einen kleinen Gummiball, den er in der rechten Hand hält, zusammenpressen. Die Ärztin und die Assistentin schauen immer wieder nach, justieren und ändern die Einstellung an der Maschine. Konstantin hat auch einen Gummiball in der Hand, muss ihn aber nicht ein einziges Mal zusammenpressen. Mir wird klar, warum der Soldat heute zum zweiten Mal hier ist.
Wir haben jetzt viel Zeit. Im Vorfeld wurde Konstantin geraten, sich DVDs mitzunehmen. Es gäbe einen Bildschirm und einen DVD-Player im Raum. Vorsorglich habe ich fünf Scheiben eingepackt. In Absprache mit den beiden anderen einigen wir uns auf „Der Gladiator“ mit Russell Crowe aus dem Jahr 2000. Der Film, den wir, um uns gegenseitig nicht zu stören, über Kopfhörer verfolgen, wird immer wieder unterbrochen: Die Ärztin erklärt uns ausführlich, was hier vorgeht, wie die Maschine arbeitet, was die einzelnen Instrumente und Kontrollleuchten anzeigen. Dann erscheint Annika Zimmer von der Pressestelle der Stiftung, um mit Konstantin ein kleines Interview für die Homepage der Stiftung zu führen und ein paar Fotos zu machen.
Gegen 11:30 Uhr ist Konstantins Blut zweimal durch die Maschine gelaufen. Die Entnahme wird gestoppt, nur noch die Rückführung des Blutes in den Körper läuft weiter. Schließlich ist auch sie abgeschlossen. Endlich werden die Schläuche abgezogen und die Nadeln aus dem Arm genommen. Es konnten ausreichend Stammzellen gewonnen werden, erklärt man uns. Sogar mehr als benötigt werden. Sie werden mit einer speziellen Lösung versetzt, die zum einen das Verkleben der einzelnen Zellen verhindert, zum anderen aber auch als Nährlösung für die Zellen dient. Jetzt bleiben genau 72 Stunden, um die Stammzellen zum Empfänger zu bringen, solange bleiben sie lebensfähig. „Diese Zeit reicht uns aber, um die Zellen in jedes Eck der Welt zu bringen“, hatte uns vorher Annika Zimmer erklärt. Und tatsächlich: Die „Stefan Morsch Stiftung“ hat weltweit Adressen von Empfängern, die auf eine geeignete Spende warten.
Noch eine gute halbe Stunde bleiben wir in den Räumen der Stiftung. Man will sichergehen, dass Konstantins Kreislauf stabil ist. Konstantin ist ein Bär von einem Mann. Der Kreislauf ist stabil. Also fordert man uns auf, wieder nach Birkenfeld in den „Landgasthof“ zu fahren, wo für uns ein Tisch reserviert ist. „Und lassen Sie sich Zeit beim Essen“, rät uns Hiltrud Morsch. In etwa zwei Stunden oder auch später sollen wir wiederkommen, um das Abschlussgespräch zu führen.
Als wir im Gasthaus ankommen, sieht die junge Wirtin sofort die auffälligen Pflaster in den Armbeugen Konstantins „Ah, die Eintrittskarten für eine kostenlose Mahlzeit, wie ich sehe“, lacht sie. Man ist freundlich zu den Spendern, schätzt, was sie tun, das merkt man. Nach etwa zwei Stunden unterschreiben wir unsere Rechnung, sprechen noch ein paar Worte mit der Wirtin und wünschen ihr ein Frohes Weihnachtsfest, das ja kurz bevorsteht. „Naja“, sagt sie und schaut Konstantin an, „Sie haben ja wohl schon das schönste Weihnachtsgeschenk gemacht, das es geben kann.“ Sie hat recht.
Wieder zurück in der Stiftung fragt die Ärztin Konstantin, wie es ihm gehe. Rät ihm, noch vorsichtig zu sein. Seine Blutgerinnung ist im Augenblick vermindert. „In etwa zwei bis drei Tagen hat sich das aber normalisiert“, versichert sie. Dann erzählt sie uns noch ein wenig von dem Empfänger der Stammzellen. In vier Monaten kann Konstantin sich erkundigen, wie es ihm geht, ob die Spende, ob der Aufwand erfolgreich war. In zwei Jahren dann können sich, wenn es gewünscht wird, beide kennenlernen. Schließlich werden wir verabschiedet. Konstantin wird aufgefordert, alle Belege für seine Kosten, sofern sie nicht direkt von der Stiftung beglichen wurden, noch einzureichen. „Und wenn irgendwas ist, wenn Sie sich nicht wohlfühlen oder Fragen haben, dann rufen Sie bitte an“, sagt die Ärztin.

Wieder nachhause

Wir treten die Rückfahrt an. Es ist inzwischen 15:30 Uhr. Wieder reichlich Gelegenheit, zu reden, doch Konstantin schläft viel. Die ganze Sache hat ihn doch geschwächt. Deswegen sollte er auch eine Begleitperson dabei haben. Zuhause angekommen frage ich ihn, ob er in Anbetracht der ganzen Spritzerei, des Unwohlseins und des Umstandes einer Stammzellenspende wieder zustimmen würde. Seine Antwort ist fest und klar: „Aber selbstverständlich, wenn ich damit ein Leben retten kann!“ Das war wirklich ein schönes Weihnachtsgeschenk für den Unbekannten, auf dessen Wohl wir im am Heiligen Abend im Familienkreis angestoßen haben.