Hoffen – Helfen – Heilen

Vor gut einem halben Jahr haben die Menschen in Menden Trauer getragen. Monatelange hatten sie mit dem 10jährigen Simon und seiner Familie gehofft. Gehofft, dass er den Blutkrebs besiegen kann, dass er weiter Fußball und Tischtennis spielen kann, dass er weiter zur Schule gehen kann, dass er gesund wird. Diese Hoffnung wurde enttäuscht. Aber Simon hat in Menden eine große Erbschaft hinterlassen: Fast 1400 Menschen haben sich damals als Stammzellspender für die Stefan-Morsch-Stiftung registrieren lassen. Larissa Rose war eine von ihnen. Eine von 1400 Menschen, die mit einer kleinen Blutprobe das Versprechen abgegeben haben, im Ernstfall einem Leukämiekranken zu helfen. Jetzt hat sie die Chance dazu bekommen, ein Leben zu retten.Rückblick: Es gibt ein Foto von Simon. Er hat einen Hut auf und lacht in die Kamera. Ein Jungengesicht – offen, freundlich, fröhlich. Das Bild ist voller Zuversicht. Von der Diagnose „Myelodysplastisches Syndrom“, eine Erkrankung des Blutbildenden Systems, will er sich nicht unterkriegen lassen. Aber er braucht eine Knochenmarktransplantation. Seine Tante Sabine Sinemus will nicht untätig warten. Sie trommelt in dieser Zeit ein 21köpfiges Organisationsteam zusammen, um eine Hilfsaktion zu starten. Die Stefan-Morsch-Stiftung, Deutschlands älteste Stammzellspenderdatei, ist ihr Partner. Simon und seine Familie wissen, dass die Chancen, dass durch eine Typsierungsaktion für Simon ein passender Spender gefunden wird, sehr gering ist. Wahrscheinlicher ist es, dass unter den mehr als 20 Millionen Spendern, die weltweit in Spenderdateien wie der Stefan-Morsch-Stiftung registriert sind, ein passender Spender findet. Aber Simon sieht sich als Botschafter für das Thema Stammzellspende. Er weiß, dass mit jedem neu gewonnenen Spender, die Chance steigt, dass für Menschen wie ihn, ein passender Spender gefunden wird. Und auch Simon hat Glück, er bekommt eine Chance – ein Spender wird gefunden. Inzwischen ist ganz Menden auf den Beinen, Vereine, Unternehmen, wildfremde Menschen schließen sich zusammen, um eine Typisierungsaktion zu planen. Sie alle wollen, dass Menschen wie Simon eine Chance auf Heilung bekommen. Der Termin steht schon, da kommt die Nachricht, Simon ist tot.
Um ein neues Blutbildendes System zu transplantieren muss das Immunsystem des Patienten mit Hilfe von Chemotherapie oder Bestrahlung ausgeschaltet werden. Nach der Transplantation baut es sich erst langsam wieder auf. In dieser Phase kann eine kleine Infektion tödlich enden. Zudem besteht das Risiko, dass der Körper des Patienten, die fremden Stammzellen abstößt. Die Menschen in Menden sind geschockt von dem Tod des Kindes, aber sie verstehen Simons Optimismus als Erbschaft. „Jetzt erst recht“, sagen sie.
Am Tag nach Simons Beerdigung lassen sich 1375 Menschen in Menden-Bösperde als neue Stammzellspender für die Stefan-Morsch-Stiftung registrieren. Bereits um 10.15 Uhr stehen die ersten Menschen vor der Tür der HBL-Halle, um sich typisieren zu lassen. Eigentlich beginnt die Aktion offiziell erst um 12 Uhr, aber natürlich wird niemand weggeschickt. Der Tag ist perfekt vorbereitet. Fußballer, Schützen und Tennisfreunde, Schüler und Lehrer, Musiker und Maler, Ärzte und Krankenschwestern – alle haben ihren Beitrag geleistet, um eine solche Aktion vorzubereiten. Mit dem Ziel, dass vielleicht irgendwann einer dieser fast 1400 Menschen ein Leben retten kann.
Achim Rose war damals einer, der Helfer im Orga-Team „Hilfe für Simon“. Larissa ist seine Tochter und erzählt: „Ich wollte mich schon immer als Stammzellspenderin registrieren und mir ein Online-Typisierungs-Paket von der Stefan-Morsch-Stiftung zusenden lassen. Aber in diesem Moment war dann mein Vater in die „Hilfe für Simon“ eingeschaltet. So habe ich an der Typisierung in Menden teilgenommen.“
Vor wenigen Wochen kam dann die Nachricht, dass sowohl sie als auch ihr Bruder als Spender für einen Leukämiepatienten in Frage kommen. Eine weitere Analyse ihrer Gewebemerkmale hat dann ergeben, dass bei ihr eine noch höhere Übereinstimmung der Gewebemerkmale vorliegt. Sie passte also noch besser als Spenderin. „Es ist ein tolles Gefühl, das machen zu dürfen“, sagt sie an dem Tag als sie in der Entnahmestation der Stefan-Morsch-Stiftung in Birkenfeld an die Apherese-Maschine angeschlossen ist. Diese Maschine zentrifugiert – ähnlich wie bei einer Dialyse – die Blutstammzellen aus dem Blutkreislauf der jungen Frau. Vorher musste jedoch die Zahl der zirkulierenden Stammzellen im Blut erhöht werden. Denn normalerweise finden sich diese Stammzellen nur im Knochenmark. Hierzu wird der Spender maximal eine Woche lang ambulant vorbehandelt, das heißt, ihm wird ein körpereigener Botenstoff unter die Haut gespritzt. Dieser Botenstoff wird natürlicherweise vom menschlichen Organismus gebildet und sorgt unter anderem dafür, dass Stammzellen vom Knochenmark ins Blut übertreten. Als Nebenwirkungen können Knochen-, Muskel-, bzw. Kopfschmerzen und – in seltenen Fällen – Fieber auftreten. Diese möglichen Beschwerden verschwinden jedoch unmittelbar nach dem Absetzen der G-CSF-Gaben. Bei der Spende von Stammzellen aus dem Blut ist weder eine Narkose noch eine Operation erforderlich.
Achim Rose ist „nur noch stolz“ auf seine Tochter. Beide wollen weiter für eine Registrierung als Stammzellspender bei der Stefan-Morsch-Stiftung werben. „Im Vergleich zu dem was man geben kann, ist das gar nichts.“