Hoffen – Helfen – Heilen

„Zeit. Für dich. Für Gerechtigkeit.“ Mit diesem Slogan gehen die Jusos bundesweit in den Wahlkampf. Marcel Franzmann aus Borgentreich (Kreis Höxter) ist einer von ihnen. Er will im nächsten Jahr für den Stadtrat kandidieren. Doch davor hat er noch ein anderes Projekt eingeplant. Und das könnte die Überschrift tragen: „Zeit. Für Dich. Für das Leben“. Denn der 30 Jährige Student ist Stammzellspender und gab damit, einem ihm wildfremden Menschen, der an Leukämie erkrankt ist, die Chance den Blutkrebs zu besiegen. Fast neun Jahre ist es her, dass Marcel Franzmann den ersten Schritt auf dem Weg zum Lebensretter gemacht hat. Damals war eine junge Frau aus einem Nachbarort an Leukämie erkrankt. Was früher einem Todesurteil nahe kam, bedeutet auch heute noch einen langen, leidensvollen Weg. Einen Weg jedoch, der Dank medizinischer Fortschritte häufig zur vollständigen Heilung führen kann. Die Transplantation von Stammzellen eines fremden Spenders, der die gleichen genetischen Merkmale wie der Patient hat, bietet eine echte Überlebenschance. Voraussetzung dafür ist, dass es Menschen gibt, die sich als Stammzellspender registrieren lassen. Familie und Freunde der Frau haben deshalb damals gemeinsam mit der Stefan-Morsch-Stiftung einen Aufruf gestartet, sich typisieren zu lassen. „Wir kannten das Mädchen zwar nicht, aber im Freundeskreis haben wir beschlossen, wir gehen zu dieser Typisierungsaktion“, erzählt Marcel Franzmann, der Wirtschaft und katholische Theologie auf Lehramt in Kassel studiert.
„Typisierung“ lautet der Fachbegriff für die Aufnahme in die Stammzellspenderdatei: Nach entsprechender Aufklärung muss ein Spender schriftlich sein Einverständnis zur Registrierung seiner Daten geben. Aus einer Blutprobe – es genügt ein Fingerhut voll Blut – werden die Gewebemerkmale des Spenders im Labor bestimmt. Gleiches funktioniert auch mit einem Abstrich der Mundschleimhaut, der mit Hilfe eines Wattestäbchens durchgeführt wird. Die Gewebemerkmale werden nach der Analyse bei der Spenderdatei – der Stefan-Morsch-Stiftung – gespeichert. Von dort werden sie anonym an das deutsche Zentralregister übermittelt, wo die weltweiten Suchanfragen nach einem passenden Spender auflaufen.
Vor wenigen Wochen ergab dann eine dieser Suchanfragen, dass Marcel Franzmann ein passender Spender für einen ihm wildfremden Patienten sein könnte. Daraufhin kontaktierte die Stefan-Morsch-Stiftung, Deutschlands älteste Stammzellspenderdatei, den 30 Jährigen: „Es war ein riesen Zufall. Ich habe gerade in einer Schule ein Praktikum gemacht und war in einer Stunde zum Thema Organspende. Da kam der Anruf der Stammzellspenderdatei.“
Stammzellen befinden sich im Knochenmark. Aus diesen Mutterzellen bilden sich verschiedene Blutkörperchen, die unter anderem für den Sauerstofftransport und das Immunsystem verantwortlich sind. Mit der Übertragung von Stammzellen bekommt also der Patient ein neues blutbildendes System – die Krebszellen werden so verdrängt. Um Stammzellen zu übertragen gibt es zwei Möglichkeiten: Die klassische Methode ist die Stammzellgewinnung aus dem Knochenmark – niemals aus dem Rückenmark. Der Eingriff erfolgt durch eine Punktion des Beckenkamms. Dieser Eingriff wird stationär in einer Spezialklinik vorgenommen. Unter Vollnarkose wird dem Spender ca. 1 Liter Knochenmark-Blut-Gemisch entnommen. Die Menge bildet sich innerhalb von 14 Tagen nach. Was bleibt, sind zwei kleine Narben über dem Gesäß. Insgesamt dauert der Krankenhausaufenthalt ca. 2 – 3 Tage. Das Risiko bei der Knochenmarkentnahme beschränkt sich auf das übliche Narkoserisiko.
Die zweite – inzwischen häufigste Methode – ist die Spende peripherer Blutstammzellen: Hierbei gewinnt man die zur Transplantation erforderlichen Stammzellen aus dem Blut des Spenders. Dem Spender wird über ca. 4 Tage ein körpereigener Botenstoff gegeben. Dieses Medikament (G-CSF), zweimal täglich unter die Haut gespritzt, stimuliert die Produktion der Stammzellen, die dann aus dem Knochenmark in das periphere Blut übertreten. Hierbei können Nebenwirkungen wie Knochen- oder Gliederschmerzen – ähnlich einer Grippe – auftreten. Die Symptome klingen nach der Spende rasch ab. In der Entnahmestation werden die Stammzellen aus dem Blut mittels Apherese „herausgewaschen“ (zentrifugiert) – ähnlich wie bei einer Blutplasmaspende oder einer Dialyse. Die Stammzellseparation dauert ca. 4 – 5 Stunden. Die Spende wird ambulant durchgeführt. Es ist kein stationärer Aufenthalt mit einem operativem Eingriff und Narkose erforderlich.
Marcel Franzmann hat sich für diese Form der Entnahme entschieden: „Ich würde es in jedem Fall immer wieder machen.“ Der Kreisvorsitzende der Jusos in Höxter hat sich zwar fest vorgenommen, junge Menschen für die Politik zu begeistern. Trotzdem weiß er wie schwer es manchmal ist, politische Visionen in die Realität umzusetzen. Deshalb sagt er: „Bei dieser Stammzellspende weiß ich genau, ich habe etwas handfestes getan.“ Emil Morsch, Vorstandsvorsitzender und Gründer der Stefan-Morsch-Stiftung, ist von so viel Engagement begeistert. Der 70 Jährige war selbst lange Jahre in der Kommunalpolitik aktiv: „Unsere Stammzellspender versuchen das Leben eines Menschen zu retten – Wie könnte man sich mehr sozial engagieren?“