Hoffen – Helfen – Heilen

Vor 22 Jahren hat Markus Bender eine Art Versprechen abgegeben. Als in seiner Heimatstadt Blieskastel dazu aufgerufen wurde, sich als Stammzellspender registrieren zu lassen, war Bender zur Stelle. Damals hat er zugesagt, sich zur Verfügung zu stellen, wenn seine Gewebemerkmale mit denen eines an Leukämie erkrankten Menschen übereinstimmen. Jetzt war es soweit: Der Vollstreckungsbeamte der Stadt Blieskastel gab seinem „genetischen Zwilling“ die einzige Chance geheilt zu werden – durch eine Stammzelltransplantation.Der 52 Jährige hat als Vollstreckungsbeamter oft einen stressigen Alltag. Aber er ist einer, der mit nahezu jedem gut auskommt. An den Typisierungsaufruf im September 1991 kann er sich noch gut erinnern: „Es ging um das Leben eines kleinen Mädchens … da wollte man helfen.“ Seit dem hat er den Spenderausweis der Stefan-Morsch-Stiftung. Vor einem Jahr hatte dann die Stadtverwaltung Blieskastel sich für einen erkrankten jungen Kollegen engagiert. Wieder gab es einen Aufruf sich typisieren zu lassen: „Die Aktion hat viele bei uns in der Verwaltung auf das Thema Stammzellspende aufmerksam gemacht. Ich fand es klasse, dass sich die Kommune so für einen Mitarbeiter einsetzt.“
Jedes Jahr erkranken allein in Deutschland knapp 11 000 Menschen an Leukämie. Wenn die Behandlung mit Chemotherapie und/oder Bestrahlung nicht ausreicht, ist oft eine Transplantation von Stammzellen die letzte Chance auf Heilung. Voraussetzung dafür ist, dass sich ein passender Spender findet. Denn mit der Übertragung von Stammzellen bekommt der Patient ein neues blutbildendes System, das die Krebszellen ersetzt bzw. verdrängt. Dazu müssen aber die genetischen Merkmale von Patient und Spender übereinstimmen – die so genannten HLA-Werte. Diese Werte wurden bestimmt, als Markus Bender sich 1991 in Blieskastel typisieren ließ.
Bevor es zur Entnahme und Transplantation kam, wurde Bender mehrfach genaustens untersucht und über den Ablauf und die Risiken der Stammzellspende aufgeklärt. „Ich war ziemlich aufgeregt. Ich wollte nicht bei der Voruntersuchung herausfallen. Denn ich wollte ja jemandem helfen“, erzählt Markus Bender. Leukämie ist eine bösartige Erkrankung der weißen Blutkörperchen, die ihren Ausgang im Knochenmark nimmt, wo sämtliche Blutzellen des Menschen im Körper gebildet werden. Diese Stammzellen befinden sich im Knochenmark. Damit die Entnahme stattfinden kann, ist ein koordinatorischer Drahtseilakt: Die Mitarbeiterinnen der Stefan-Morsch-Stiftung müssen einen mit der Transplantationsklinik des Patienten genauen Zeitplan mit dem Spender abstimmen. Denn der Patient, der dringend auf die Stammzelltransplantation angewiesen ist, muss zum exakt vorbestimmten Zeitpunkt diese Transplantation bekommen. Entscheidend ist dabei auch, dass sein Gesundheitszustand die Übertragung der Stammzellen erlaubt. Denn seine Therapie läuft parallel zur Vorbereitung des Spenders. Sein Immunsystem wird komplett ausgeschaltet – durch Bestrahlung oder/und Chemotherapie. Eine Therapiephase, die sehr belastend ist. Wenn der Patient sich jetzt mit einem Virus infiziert oder es aus irgendeinem Grund mit der Stammzell-Spende nicht klappt, ist sein Leben massiv gefährdet.

Um die Stammzellen beim Spender zu entnehmen gibt es heute zwei Varianten: Bei der klassischen Methode der Knochenmark-Entnahme entnehmen Mediziner etwa 0,8 bis 1,5 Liter Knochenmark-Blut-Gemisch aus dem Beckenknochen des Spenders – niemals aus dem Rückenmark. Dieser Eingriff dauert zirka eine Stunde. Die zweite Methode ist die Entnahme peripherer Blutstammzellen aus dem Blut – ähnlich wie bei einer Plasmaspende oder Dialyse. Dazu wird dem Spender vorher ein körpereigener Botenstoff verabreicht, der die Stammzellen aus dem Knochenmark in das Blut übergehen lässt. Dieser Botenstoff löst beim Spender im Vorfeld oft grippeähnliche Symptome – wie Kopf- und Gliederschmerzen aus. Diese verschwinden aber mit der Entnahme der Stammzellen. Markus Bender hat die Nebenwirkungen zu spüren bekommen, aber sein Fazit ist positiv. Schließlich hat er in der eigenen Familie die Erfahrung machen müssen, wie hilflos man sich fühlt, wenn ein Angehöriger unheilbar erkrankt bekommt: „Es lohnt sich auf alle Fälle sich typisieren zu lassen. Schließlich ist es etwas Faszinierendes, einem Menschen helfen zu können.“