Hoffen – Helfen – Heilen

Mit Ärzten, Nadeln und Spritzen will Matthias Meermann aus Menden möglichst nichts zu tun haben. Auf Drängen seiner Freundin Anna Günther hat der 24 Jährige sich vor fast genau einem Jahr als Stammzellspender registrieren lassen. Jetzt hatte er die Chance mit einer Stammzellspende, einem an Leukämie erkrankten Kind zu helfen. Um diesem Kind vielleicht das Leben zu retten, hat der Leistungssportler nicht nur Wettkämpfe und Studium hinten angestellt, sondern auch seine Scheu vor Ärzten, Nadeln und Spritzen überwunden. Es ist fast genau ein Jahr her: Über Wochen hinweg hatten damals Menschen in Menden-Bösperde die Typisierungsaktion „Hilfe für Simon“ in Zusammenarbeit der Stefan-Morsch-Stiftung vorbereitet. Anlass des Aufrufs war der zehnjährige Simon. Der Junge war auf eine Stammzellenspende angewiesen, um gesund weiterleben zu können. Noch während der Planung der Aktion konnte ein Spender ausfindig gemacht werden. Die Transplantation Simons war auch erfolgreich. Doch einige Tage später bekam das Kind eine schwere Infektion und starb. Simons Familie entschied sich damals, trotzdem den Typisierungsaufruf aufrecht zu erhalten – auch weil sie anderen Familien das Schicksal ersparen wollten, ein Kind zu verlieren, weil sich kein passender Stammzellspender findet. Fast 1400 Menschen haben sich damals als Stammzellspender bei der ältesten Stammzellspenderdatei Deutschlands registrieren lassen. Matthias Meermann war einer von ihnen. Einer von 1400 Menschen, die mit einer kleinen Blutprobe das Versprechen abgegeben haben, im Ernstfall einem Leukämiekranken zu helfen. „Normalerweise drücke ich mich um so etwas, aber an sich gab es für mich keinen Grund, warum ich diese Aktion nicht unterstützen sollte“, lächelt Matthias Meermann am Tag der Stammzellentnahme in Birkenfeld, wo die Stefan-Morsch-Stiftung ihren Sitz hat.
„Von dem Zeitpunkt an, an dem mich die Stiftung darüber informiert hat, dass ich als Stammzellspender in Frage komme, wurde ich rundum gut betreut, gründlich aufgeklärt und untersucht. Ich habe mich einfach kompetent beraten gefühlt. Das hat mir meine Anspannung genommen“, erzählt der sportliche Student, der sich in Dortmund für Fahrzeugelektronik eingeschrieben hat und in seiner Freizeit für den TuS Iserlohn als Kunsturner an den Start geht.
Leukämie ist eine der bösartigen Erkrankungen, die eine Übertragung gesunder Blutstammzellen erfordern können. Mit einer solchen Transplantation bekommt der Patient ein neues blutbildendes System – seine einzige Hoffnung auf Leben, wenn Chemotherapie oder Bestrahlungen nicht ausreichen. Diese Transplantation ist aber nur möglich, wenn es Menschen gibt, die sich typisieren lassen – sprich: als potenzielle Stammzellspender in unserer Spenderdatei erfasst sind. Um Stammzellen übertragen zu können, müssen die Gewebemerkmale von Spender und Patient übereinstimmen. Bis heute sind in den Knochenmark- und Stammzellspenderdateien weltweit über 20 Millionen Menschen registriert – trotzdem ist es oft ein Glücksfall, wenn sich für einen Patienten ein Spender findet.
Matthias Meermann ist dieser Glücksfall für ein kleines Kind. Emil Morsch, Gründer der Stefan-Morsch-Stiftung: „Dieses Beispiel zeigt wie nachhaltig eine solche Typisierungsaktion wirkt. Die „Hilfe für Simon“, die damals in Menden unter so traurigen Umständen stattgefunden hat, wird sicherlich in den kommenden Jahren noch oft dazu beitragen, dass Menschen eine Chance auf Leben bekommen.“ Für 2013 plant die Stefan-Morsch-Stiftung, den Kontakt zu Schulen, Fachhochschulen und Universitäten auszubauen. „Leider wissen viele Menschen nicht, dass jeder gesunde Mensch ab 18 Jahren mit einer Stammzelltransplantation Leben retten kann. Mit dem Einverständnis der Eltern kann man sich ab 16 Jahren registrieren lassen. Deshalb werden wir in diesem Jahr unseren Schwerpunkt bei der Aufklärung junger Menschen setzen“, so Morsch, der verstärkt Aufklärungsarbeit an Schulen leistet.
Damit Matthias Meermann jetzt helfen konnte, hat der Kunstturner seinen Sport hintenan gestellt – Wettkämpfe ausfallen lassen, um Stammzellen zu spenden. Stammzellen befinden sich im Knochenmark. Aus diesen Mutterzellen bilden sich verschiedene Blutkörperchen, die unter anderem für den Sauerstofftransport und das Immunsystem verantwortlich sind. Um Stammzellen zu übertragen gibt es zwei Möglichkeiten: Die Stammzellgewinnung aus dem Knochenmark durch Punktion des Beckenkamms – niemals aus dem Rückenmark oder die Spende peripherer Blutstammzellen. Dem Spender wird über ca. 4 Tage ein körpereigener Botenstoff gegeben. Dieses Medikament (G-CSF), zweimal täglich unter die Haut gespritzt, stimuliert die Produktion der Stammzellen, die dann aus dem Knochenmark in das periphere Blut übertreten. Hierbei können Nebenwirkungen wie Knochen- oder Gliederschmerzen – ähnlich einer Grippe – auftreten. Die Symptome klingen nach der Spende rasch ab. „Die Spritzen haben mich wirklich Überwindung gekostet, es hat aber besser geklappt als ich befürchtet hatte“, erzählt Matthias Meermann und er zwinkert ironisch: „Trotzdem – abhängig werde ich sicher nicht.“
In der Entnahmestation der Stefan-Morsch-Stiftung wurden dann Stammzellen aus dem Blut mittels Apherese zentrifugiert – ähnlich wie bei einer Blutplasmaspende oder einer Dialyse. Die Stammzellseparation dauert ca. 4 – 5 Stunden. In einigen Fällen muss sie am folgenden Tag wiederholt werden. Die Spende wird ambulant durchgeführt. Es ist kein stationärer Aufenthalt mit einem operativem Eingriff und Narkose erforderlich. Bei Matthias Meermann war die Entnahme deutlich kürzer. Bei Freunden und Bekannten hat er durch seine Spende das Bewusstsein geweckt, welche Hilfe für Leukämie- und Tumorkranke durch eine Stammzellspende möglich ist: „Ich kann nur jedem empfehlen, sich typisieren zu lassen.“