Hoffen – Helfen – Heilen

Bis Maximilian Knarr aus München nach seinem Medizinstudium Menschen helfen kann, geht noch das eine oder andere Semester ins Land. Ob er aber ein Leben gerettet hat, das entscheidet sich in den kommenden Monaten. In jedem Fall hat der 21 Jährige Soldat mit einer Stammzellspende alles dafür getan, dass das ein im völlig unbekannter Leukämiepatient die Chance bekommen hat, den Blutkrebs zu besiegen.Jedes Jahr erkranken allein in Deutschland fast 11000 Menschen an Leukämie. Nicht immer können Chemotherapie und/oder Bestrahlung die Patienten heilen. Dann ist die Transplantation von Stammzellen die letzte Überlebenschance. Nur 30 Prozent der Patienten finden einen geeigneten Spender im eigenen Familienkreis. Für die übrigen beginnt die Suche nach einem Spender, der nahezu identische Gewebemerkmale hat – also eine Art genetischer Zwilling ist. Bei der großen Vielfalt der Gewebemerkmale in der Bevölkerung (theoretisch gibt es mehr als 50 Millionen Kombinationen) ist die Wahrscheinlichkeit, dass diese Merkmale bei zwei nicht verwandten Menschen übereinstimmen, jedoch nicht sehr groß. Obwohl derzeit weltweit mehr als 20 Millionen potenzielle Spender registriert sind, verläuft noch so manche Suche erfolglos. Deshalb sind nahezu jeden Tag Teams der Stefan-Morsch-Stiftung in ganz Deutschland unterwegs, um für die Registrierung als Stammzellspender zu werben.
So ist vor knapp zwei Jahren auch Maximilian Knarr in die Spenderdatei der Stefan-Morsch-Stiftung, der ältesten in Deutschland, aufgenommen worden: „Das war bei der Blutgruppenbestimmung der Bundeswehr. Da hat sich mir einfach die Gelegenheit geboten, mich typisieren zu lassen.“ Als „Typisierung“ bezeichnet man die Laborarbeiten, die für eine Aufnahme in die Stammzellspenderdatei notwendig sind: Nach entsprechender Aufklärung muss ein Spender schriftlich sein Einverständnis zur Registrierung seiner Daten geben. Aus einer Blutprobe – es genügt ein Fingerhut voll Blut – werden die Gewebemerkmale im Labor bestimmt. Gleiches funktioniert auch mit einem Abstrich der Mundschleimhaut. Nach der Analyse werden diese Merkmale in der Spenderdatei – der Stefan-Morsch-Stiftung – gespeichert. Von dort werden sie anonym an das deutsche Zentralregister (ZKRD) übermittelt, wo die weltweiten Suchanfragen für die Patienten eingehen.
Maximilian Knarr bzw. seine Gewebemerkmale stellten sich jetzt als Volltreffer für einen Patienten heraus. Die Stefan-Morsch-Stiftung hat deshalb den jungen Soldaten, der inzwischen Medizin studiert informiert, dass er als Stammzellspender gebraucht wird. Seine Reaktion war eindeutig: „Ich habe mich riesig gefreut. Wann bekommt man überhaupt schon einmal die Chance, zu helfen – an etwas richtig Gutem beteiligt zu sein?, erzählt der Student, der in seiner Freizeit gerne durch die Berge wandert. Bis es jedoch zur Entnahme kam, musste einiges vorbereitet werden: Knarr musste noch einmal eine Blutprobe abgeben. Es wurde genau geprüft, ob möglichst viele ihrer Daten mit denen des Patienten übereinstimmen. Zudem wurde er umfangreich über die Chancen und Risiken der Stammzellenspende aufgeklärt. Das war sogar für einen Medizinstudenten „interessant“. Um Stammzellen zu übertragen gibt es zwei Möglichkeiten: Bei der Spende peripherer Blutstammzellen gewinnt man die zur Transplantation erforderlichen Zellen aus dem Blut des Spenders. Dem Spender wird über ca. 4 Tage ein körpereigener Botenstoff gegeben. Dieses Medikament (G-CSF), zweimal täglich unter die Haut gespritzt, stimuliert die Produktion der Stammzellen, die dann aus dem Knochenmark in das periphere Blut übertreten. Hierbei können Nebenwirkungen wie Knochen- oder Gliederschmerzen – ähnlich einer Grippe – auftreten. Die Symptome klingen nach der Spende rasch ab. „Ich habe fast nichts gespürt. Mir ging es richtig gut“, erzählt Maximilian Knarr. In der hauseigenen Entnahmestation der Stefan-Morsch-Stiftung werden dann die Stammzellen aus dem Blut mittels Apherese „herausgewaschen“ (zentrifugiert) – ähnlich wie bei einer Blutplasmaspende oder einer Dialyse. Die Stammzellseparation dauert ca. 4 – 5 Stunden.
Die zweite Methode ist die Knochenmarkspende. Bei diesem Verfahren wird Knochenmark durch Punktion des Beckenkamms gewonnen – niemals aus dem Rückenmark. Dieser Eingriff wird stationär in einer Spezialklinik vorgenommen. Unter Vollnarkose wird dem Spender ca. 1 Liter Knochenmark-Blut-Gemisch entnommen. Die Menge bildet sich innerhalb von 14 Tagen nach. Was bleibt, sind zwei kleine Narben über dem Gesäß. Insgesamt dauert der Krankenhausaufenthalt ca. 2 – 3 Tage. Das Risiko bei der Knochenmarkentnahme beschränkt sich auf das übliche Narkoserisiko.
Der Medizinstudent hat sich für die Apherese – die Entnahme peripherer Blutstammzellen entschieden – die inzwischen häufigste Entnahmeform. Der 21 Jährige zieht ein positives Fazit: „Wenn man überlegt, dass ich zweimal nach Birkenfeld gefahren bin und mir nur ein paar Spritzen gegeben habe, dann ist dieses „Opfer“ wirklich gering, um Vergleich zu dem, was man ein Leukämiekranker durchmacht und man mit einer Stammzellspende für ihn bewirken kann.“ Mit der Transplantation von Stammzellen bekommt der Patient ein neues blutbildendes System – ob sein Körper das annimmt entscheidet sich in den nächsten Monaten – aber durch Maximilian Knarrs Spende hat er überhaupt eine Chance auf ein neues Leben bekommen.