Hoffen – Helfen – Heilen

In den letzten Wochen hat Robin Schultewolter aus Gescher (Kreis Borken) eine Entscheidung getroffen, der den Lebensweg eines ihm völlig fremden Menschen verändern wird. Dieser Mensch ist todkrank: Er hat Leukämie. Und Robin Schultewolter ist der Mensch, der diesem Patienten vielleicht das Leben retten kann – mit einer Stammzellspende. Denn der 19-Jährige ist seit einem Jahr bei der Stefan-Morsch-Stiftung, Deutschlands ältester Stammzellspenderdatei, registriert. Jetzt kann er helfen.Die Stefan-Morsch-Stiftung, die älteste Stammzellspenderdatei Deutschlands, leistet seit fast 30 Jahren Hilfe für Leukämie- und Tumorkranke. Hauptziel der Stiftung ist es, Menschen zu werben, sich als Stammzellspender zu registrieren. Beinahe täglich sind Teams der Stiftung in ganz Deutschland unterwegs, um junge Menschen als Stammzellspender zu gewinnen. Vor einem Jahr war ein solches Team bei der Eröffnungsfeier des FC Schalke 04-Fanclubs in Hochmoor (Kreis Borken). Damals hat sich fast der ganze Verein als potenzielle Lebensretter registrieren lassen. Robin Schultewolter war einer von ihnen: „Man kann damit Menschen helfen. Und wenn ich helfen kann, mache ich das gerne.“
Eine Sprecherin der Stiftung erklärt: „Als Typisierung bezeichnet man die eigentlichen Laborarbeiten, die für eine Aufnahme in die Stammzellspenderdatei notwendig sind. Aus einer Blutprobe – es genügt ein Fingerhut voll Blut – werden die für eine Transplantation relevanten HLA-Gewebemerkmale im Labor bestimmt. Das gleiche funktioniert auch mit einem Abstrich der Mundschleimhaut.“ Damit hatte der 19-Jährige den ersten Schritt auf dem Weg zum Lebensretter getan.
Leukämie ist nur eine der bösartigen Erkrankungen, die eine Übertragung gesunder Blutstammzellen erfordern können. Mit der Transplantation von Stammzellen bekommt der Patient ein neues blutbildendes System – seine einzige Chance auf Leben, wenn Chemotherapie oder Bestrahlungen nicht geholfen haben. Eine solche Transplantation ist aber nur möglich, wenn es Menschen wie Robin Schultewolter gibt, die sich typisieren lassen – sprich: als Stammzellspender einer Spenderdatei erfasst sind. Um Stammzellen transplantieren zu können, müssen die Gewebemerkmale von Spender und Patient übereinstimmen. So sind in den Knochenmark- und Stammzellspenderdateien wie der Stefan-Morsch-Stiftung zwar weltweit über 20 Millionen Menschen registriert – trotzdem ist es immer noch ein Glücksfall, wenn sich für einen Patienten ein passender Spender findet.
Robin Schultewolter ist so ein Glücksfall. Er besucht die Fachhochschule für öffentliche Verwaltung NRW in Münster, denn 2013 hat er seine Ausbildung zum Polizeivollzugsbeamten begonnen. Er ist nicht nur Fan des Fußballclubs Schalke 04, er spielt auch im Mittelfeld des Spiel- und Sportvereins Hochmoor Fußball. Anfang des Jahres 2014 erhält er einen Anruf der Stefan-Morsch-Stiftung. Er kommt als Spender für einen Leukämiepatienten in die engere Auswahl: Ob er zur Stammzellspende bereit wäre? „Erstmal wusste ich nicht, was auf mich zukommt. Trotzdem habe ich mich über diese Chance gefreut und hatte keine Zweifel“, erzählt er. Die Familie steht hinter ihm: „Da freut man sich, wenn der Sohn hoffentlich ein Leben retten kann“, sagt der Vater stolz.
Bevor Robin Schultewolter Stammzellen spenden darf, wird er umfassend aufgeklärt und gründlich untersucht. Diese Voruntersuchungen dienen dazu herauszufinden, ob der junge Mann wirklich der optimale Spender ist. Gleichzeitig soll ausgeschlossen werden, dass der Spender ein gesundheitliches Risiko eingeht. Die Mitarbeiter der Stiftung beraten und begleiten ihn während dieser ganzen Vorbereitungsphase. Jegliche Kosten für die Untersuchungen, die Versicherung, An- und Abreise zum Entnahmeort werden übernommen. „Erstaunlich, was für eine Organisation hinter einer Stammzellspende steht. Das ist schon einiges an Aufwand. Ich hab mich die ganze Zeit gut aufgehoben gefühlt“, sagt Schultewolter.
Dann beginnt die entscheidende Phase vor der Transplantation. Die Stammzellen befinden sich im Knochenmark. Um sie zu übertragen, gibt es zwei Möglichkeiten: Die Entnahme peripherer Blutstammzellen aus dem Blut – ähnlich wie bei einer Plasmaspende oder Dialyse. Dazu wird dem Fußballfan einige Tage lang ein körpereigener Botenstoff verabreicht, der die Stammzellen aus dem Knochenmark in das Blut übergehen lässt. In einer Entnahmestation werden dann die Stammzellen aus dem Blut herausgefiltert bzw. zentrifugiert. Apherese heißt dieses Verfahren, das heute am häufigsten angewandt wird.
Bei der klassischen Methode – der Knochenmarkspende – entnehmen die Mediziner Knochenmark aus dem Beckenknochen des Spenders – niemals aus dem Rückenmark. Dieser Eingriff dauert zirka eine Stunde. Weder der Spender noch der Patient erfahren zu diesem Zeitpunkt, wer der andere ist. Robin Schultewolter und sein Empfänger bleiben in jedem Fall bis zum Ablauf von zwei Jahren anonym. Erst danach besteht die Möglichkeit, je nach Gesetzeslage des Landes, in dem der Patient lebt, dass Spender und Patient einander kennenlernen können.
Aber bis dahin ist es noch ein langer Weg. Parallel zur Vorbereitung von Robin Schultewolter wird in der behandelnden Transplantationsklinik der Patient vorbereitet. Das bedeutet: Sein Immunsystem wird stark unterdrückt oder sogar ausgelöscht – durch Bestrahlung oder/und Chemotherapie. Wenn er sich jetzt mit einem Virus infiziert oder es aus irgendeinem Grund mit der Stammzellspende nicht klappt, ist sein Leben massiv gefährdet. Emil Morsch, Vorstandsvorsitzender der Stefan-Morsch-Stiftung: „Eine Transplantation ist immer eine letzte Chance. Diese Chance hat er nur durch Robin Schultewolter.“
Robin Schultewolter hat sich für die Apherese entschieden. Nach der Entnahme zieht er ein positives Fazit: „Ich finde, das ist eine top Sache! Jetzt hoffe ich, dass derjenige, für den ich spende, geheilt wird und es ihm besser geht.“