Hoffen – Helfen – Heilen

Zufall oder Schicksal? Semih Avsaroglu weiß es nicht. Für die Leukämiepatientin in Australien ist es in jedem Fall das pure Glück, dass sich der 21-Jährige vor wenigen Monaten typisieren ließ und sich nun prompt als ihr möglicher Lebensretter erweist. Jetzt spendete er Stammzellen und gibt der Mitfünfzigerin damit eine Chance auf Leben.
Als Azubi zum Informatikkaufmann nahm Semih Avsaroglu im August 2015 an der alljährlichen Blutspendeaktion des Deutschen Roten Kreuzes Duisburg im Bildungszentrum der thyssenkrupp Steel Europe AG teil. Es hatte sich eine lange Warteschlange gebildet und der 21-jährige bekam Durst. Auf der Suche nach etwas zu trinken entdeckte er den Stand der Stefan-Morsch-Stiftung mit jeder Menge Informationen zur Typisierung und der Stammzellspende. Das DRK ist seit Jahren ein Kooperationspartner der gemeinnützigen Stiftung.

Typisierung war schnell erledigt

„Ein Arbeitskollege und ich gingen hin, hörten zu – wir hatten ja Zeit – und ließen uns ohne langes Zögern typisieren.“ „Ratzfatz“ war das geschehen. „Etwas Einfacheres gibt es ja gar nicht“, begeistert sich der 21-Jährige. Die Stefan-Morsch-Stiftung im rheinland-pfälzischen Birkenfeld sucht seit 30 Jahren geeignete Spender. Jedes Jahr erkranken allein in Deutschland mehr als 11.000 Menschen an Leukämie. Vielen kann heute durch die Übertragung von Stammzellen eines gesunden Spenders, der die gleichen genetischen Merkmale besitzt,  geholfen werden. Deutschlands älteste Spenderdatei hat beinahe Tag für Tag Teams im Einsatz, die mit Typisierungsaktionen informieren, aufklären und sensibilisieren. Wie im vorigen Jahr bei dem Stahlbauriesen mit seinen 27.000 Mitarbeitern am Standort Duisburg.

Der Bochumer erhielt im Frühjahr 2016 die Nachricht, dass seine genetischen Merkmale „passen könnten“. „Ich war sehr überrascht“, erzählt Semih Avsaroglu, denn so schnell habe er nicht damit gerechnet. „In jedem Fall habe ich mich sehr gefreut und habe zu keiner Zeit daran gedacht, es nicht zu tun.“ Die Familie, Freunde und Arbeitskollegen – alle sind stolz auf den Informatikkaufmann und haben die Daumen gedrückt.

Vor der eigentlichen Stammzellentnahme muss sich der Spender ein Medikament spritzen, um die Produktion der eigenen Stammzellen anzukurbeln. „Meine Mutter konnte es nicht ertragen, wie ich mir in den letzten drei Tagen vor dem Termin selbst täglich das Medikament gespritzt habe“, grinst der Hobby-Fußballer. Am zweiten Tag bekam er leichte Kopfschmerzen – „die zu verkraften waren“- und am zweiten Tag leichte Gliederschmerzen – „alles im Rahmen der Erträglichkeit“. Die Nebenwirkungen können auftreten, verschwinden aber schnell wieder.

Der Spendetermin in Birkenfeld war für den 21-Jährige dann gleich doppelt interessant: Er ist fasziniert von Technik und verfolgt er mit Argusaugen die eigene Spende. Auch zur eigenen Ablenkung. Bei der so genannten peripheren Stammzellentnahme – der Apherese – werden die Stammzellen aus dem venösen Blut herausgefiltert. Es ist die heute gängigste Methode. Eine Narkose oder gar eine Operation sind nicht erforderlich.

„Ich hatte zuerst ein mulmiges Gefühl, als ich die große Maschine mit den zig Anzeigen darauf gesehen habe“, gesteht der Bochumer. Doch nachdem er „angedockt war“, habe sich das gelegt. Nette Gesellschaft und ein Kinofilm machten das lange Liegen fast kurzweilig. „Ratzfatz“ sei der „sehr angenehme Aufenthalt“ vorbei gewesen.

Er will der Frau in Australien Mut machen

Semih Avsaroglu kann nur allen Menschen empfehlen, sich ebenfalls typisieren zu lassen. Er selbst würde jeder Zeit wieder spenden. „Wenn man einmal die Erfahrung gemacht hat, gibt es kein Hindernis mehr.“ Die Empfängerin in Australien würde er sehr gerne kennenlernen. „Die Entscheidung liegt bei der Dame“, betont der 21-jährige. Er hat ihr – anonym – einen kleinen Brief geschrieben und ihr darin Mut gemacht. „Das wichtigste ist, dass sie es überlebt und wieder gesund wird.“ (AW)